Wenn die Kühe nicht mehr läuten
Alois setzt sich gerade auf die Bank an der Seite seiner Berghütte. Sie befindet sich im Windschatten des Hauses und von ihr aus hat man die beste Sicht auf eine Bergkette, von der aus man aber jetzt wo die Sonne untergeht, nur eine schwarze Silhouette erkennt. Den ganzen Tag hat er hart gearbeitet und wie jeden Abend gönnt er sich nun dieses Schauspiel der warmen Farben. Gegen kein Geld der Welt würde er diese Aussicht eintauschen. Auch wenn es nicht immer einfach ist hier oben. Die Berghütte befindet sich, abgeschottet vom Rest der Welt, leicht unterhalb der Bergspitze des Kleineren der beiden Gipfel eines Zwillingsbergs und grenzt an eine kleine Wiese, auf der im Sommer Kühe weiden.
Es ist ein kleines Haus mit Giebeldach und schon über 100 Jahre alt. Obwohl er vor ein paar Jahren viel Zeit und Geld in die Renovierung und den Umbau gesteckt hatte, sieht man es heute dem Haus von aussen nicht mehr an. Die Witterung hat ihr Bestes getan, um die hellen Wände aus Fichtenholz in eine grau-braune, moosbewachsene Fassade zu verwandeln. Alois stört sich aber nicht daran. Im Gegenteil, er findet die Patina erinnert ihn an die Vergänglichkeit der Dinge und sie zerstört wunderbar die von ihm als fremd und unschön empfundene Perfektion des Neuen. Dinge müssen Geschichten erzählen, meint er, und Wabi-Sabi ist für ihn viel mehr als nur ein Konzept für ästhetik. Es ist eine Denkweise, wo Dinge mit der Zeit und dem Gebrauch kostbarer werden. Die entstehende Unvollkommenheit durch die Impermanenz der Dinge, lässt sich nicht künstlich erzeugen, weswegen er selbst nur ungerne in ihren Lauf eingreift. Die Berge brauchten schliesslich auch Zeit um sich so aufzutürmen.
Sein Haus hat zwei Schlafzimmer im Obergeschoss und im Erdgeschoss befinden sich die Küche, das Badezimmer und das Wohnzimmer. Hier lebt er meistens alleine. Unglücklich darüber ist er aber nicht. Noch nie haben ihn die Menschen verstanden. Heute versteht er sie auch nicht mehr. „Hier oben kommen wir uns wenigsten nicht in die Quere“, fällt ihm ein, wenn er darüber nachdenkt. Zum Arbeiten muss er das Haus sowieso nicht verlassen, dies schont seine Nerven. Nur für wichtige Kundentermine, bestellt er ein Luft-Taxi, das in direkt vor seiner Haustür abholt und in die Grossstadt fliegt. Den Grossteil seiner Geschäfte erledigen sowieso seine Ultra-High-Speed-Trading-Server. Sie treffen die Entscheidungen aufgrund der identifizierten Präferenzen aus der Analyse von Handlungsmuster weltweit. Die Server befinden sich einen Kilometer unter seinem Haus, denn Alois hatte den Zwillingsberg aus der Konkursmasse eines Rüstungskonzerns ersteigert. Früher wurden tief im Berginnern die Waffen getestet. Nun nutzt er die Bunkeranlagen für seine Server. Dort sind sie sicher aufbewahrt. Bunkersensoren überwachen rund um die Uhr Temperatur, Feuchtigkeit und schlagen Alarm, sobald kleinste Bewegungen registriert werden. Wie es der Zufall wollte, hatte er dann vor einigen Jahren erfahren, dass die Börse und danach auch viele Effektenhändler ihre Server in genau diese Region verlegt haben. Deswegen gründete ein Trading-Unternehmen, das aufgrund der Nähe zu den erfolgreichsten in Europa gehört. Obwohl er der Finanzwelt schon immer skeptisch gegenüber stand, wäre es dumm gewesen, nicht einzusteigen. Geld sei schliesslich unendliche Ressource, von der man sich einfach ein Stück nehmen kann. Mit jeder Transaktion macht er Profit und seine Kunden werden auf dem Papier immer reicher. Das Spiel hat sich seit 500 Jahren kaum verändert.
Grosse Windkraftanlagen versorgen die Server-Anlagen mit benötigten der Energie. Die Abwärme wird ebenfalls genutzt. Alois heizt damit sein ganzes Haus. Eines seiner liebsten Hobbies ist Kochen. Tagelang studiert er an neuen Rezeptkreationen herum und tauscht sich mit dem Computer aus, der ihm aus der Analyse von Millionen bestehender Rezepte und Alois’s Blutwerten täglich die ideale Zutatenliste für seinen Körper zusammenstellt. Es ist eine kreative Zusammenarbeit. Die Lebensmittel bestellt der Computer dann jeweils 2 Stunden vor dem Essen und Drohnen liefern sie innert 30 Minuten an die Haustür. Dadurch sind die Zutaten stets frisch und verderben nicht. Einen Kühlschrank hat Alois deswegen schon lange nicht mehr. Seit alles so schnell geliefert wird, hat er überhaupt keinen Vorrat mehr zuhause. Ausser der frischen Milch und den frischen Eiern, welche er gleich hier oben bekommt. Die Kühe stören ihn auch nicht mehr, seit sie nicht mehr die lauten Kuhglocken um den Hals tragen. Lautlose elektronische Kuhglocken, welche es dem Bauer erlauben, die exakte Position jeder Kuh in Echtzeit zu bestimmen, haben ihren Platz eingenommen. Im Hühnerstall registrieren Sensoren, wenn ein Ei gelegt wurde und versenden eine Nachricht an den Kochassistenten, der sie gleich in die Zutatenliste aufnimmt.
Den Winter schätzt Alois ganz besonders. Dann sind die Wege zugeschneit und Besuch bekommt er nur noch selten. Er versteht nicht, wie die Menschen in der Grossstadt leben können. Während seiner Jugend hatte er auch noch in Zürich gelebt. Fast alles war noch zu Fuss erreichbar. Aber heute, seit dem Zusammenschluss der Städte Bern, Zürich und St. Gallen zur Grossstadt, scheint es, als ob man sich permanent auf den Füssen herum trampelt. Für ihn einfach zu viel. Er geniesst die Stille hier oben. Für ihn ist es als ob sich die Zeit, je höher man steigt, verlangsamt. Unten ist alles viel hektischer. Lange Zeit hatte er versucht dagegen anzukämpfen, damit die Welt ein bisschen menschlicher wird. Aber er hat versagt. Nun lebt er hier oben, wie in einer anderen Welt, für sich in seiner Berghütte. Sollen die Anderen doch tun was sie wollen. Ihm ist es egal geworden.

 

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