Den Geist des Tales essen

Ich glaube ja, dass wir alle nur von der reinen Spitze eines Berges essen wollen. Denn wir suchen den Geist von etwas, das allein ist und in der Stille einer Abgeschiedenheit wächst. Dort wo kein Mensch zuschauen und eingreifen will. Und das kommt so im Tal nicht vor. Ich glaube ja, dass wir die Reinheit eines Lebensmittels suchen, weil wir uns dreckig vorkommen mit unserem industriell gestanzten Dreck in Tüten. Ich glaube, dass wir eine Religion aus Essen machen, weil wir Gott auf dem Fliessband der Schlachthöfe verloren haben. Aber glauben allein hilft nichts mehr. Das Rennen um die letzten unberührten Lebensmittel ist im Gange, um sich wenigstens für die Dauer eines Essens rein zu fühlen. Dazu wälzen wir Südtirol mehr um als es die Trommelfeuer des ersten Weltkrieges vermocht haben. Wir sind Räuber des Unberührten und tun so, als wären wir wie Schamanen, die den Geist zurückholen wollen, den sie in Cellophan verpackt hatten und gestern noch wie alten Kaffee wegschmissen. Neuen braucht es heute, der alte ist schon schnell stumpf. Dabei geht es nicht um Bio. Es geht nicht um Reformhausmarken. Es geht um etwas, das vom Menschen erst gar nicht berührt wird, bis es bei uns landet. Das letzte unberührte Stück Land, in dem etwas von selbst wächst. Das suggerieren die Alpen. Kuweiden, auf denen Kühe wie von selbst ihre Milch geben. Nicht durch irgendwelche Aufputschmittel zu mehr Milch geboostet. Käse, der sich von selbst gerinnen scheint, in einer Lake, die aus 2000 Jahre alte Lärchennadeln sich selbst versüsst.

Am Anfang eines Tages findet sich Wasser, das hell klar und rein den Bach hinunterfliesst und zum Tal finden will. In diesem Wasser könnten Fische schwimmen. Sie zu essen, das wäre dieses reine Vergnügen. Noch vor Ort geschlachtet und auf derbem Geschirr gereicht. Und neben diesem Bach gibt es einen Baum. Daran reifen äpfel. Und unter diesem Baum breitet sich eine Bodenkrume aus, in der Getreide wachsen will, das so nicht von Menschen gepflanzt wurde. Wo unbeabsichtigt von einer unbekannten Natur hingestreut. Dieses Phantasma findet sich in den Photostudios für die teuren Koch- und Erlebnisbücher wieder. All das zusammen gibt uns ein Essen vor, das wir nie finden werden, auch wenn wir noch so oft in Bioläden rennen. Wir suchen Heilung in diesem Essen, nicht die Erhaltung unserer Gesundheit. Wir möchten es so zubereiten, dass es uns wie eine Messe empfängt. Die Eucharistie kennt Vollkornbrot mit dreizehnerlei Aufstrichen. Den Dreck des Tales beiseite tun. Das alleine zurück ins Reine bringen. das wollen wir. Schon wieder lügen wir. Schon wieder versuchen wir, aus der Ernährung einen Gottesdienst zu machen. Schon wieder soll es genauso sein, wie es uns auch nicht zu schwierig ist. Das reine Essen hat Dreck an seinen Samen, aber nicht bei uns. Das reine Essen muss gejagt werden. Aber darum geht es uns nicht. Wir wollen nicht töten, das sollen andere machen. Wir wollen die Alpen wieder abpacken lassen. Was als Bergkäse daherkommt, muss ja trotzdem für uns noch einmal auf Salmonellen untersucht werden. Es könnten reine Keime und Viren darin sein. Und was geschlachtet wurde nach einem langen Sommer, ist professionell ausgeblutet und so zu einem Stück Fleisch verarbeitet, dass wir das Lamm nicht mehr sehen. Wir wollen keine Tiere schlachten. Wir wollen nur ihr Fleisch. Ehrlicher wäre es also, dieses Essen, das wir aus der Industrie beziehen, als das unsrige zu begreifen. In den Alpen wächst nichts. Es wird nur für uns kultiviert. Wir tun so, als wäre es ein Essen, das von Natur aus zu finden sei. Aber das ist ein Schmierentheater. Die Alpen sind weit oben nicht fruchtbar. Dazu sind sie nicht da. Wir machen sie dazu, und tun so, als würden wir sie zufällig dort etwas finden, dass uns gut tut. Wir tun aber den Alpen nicht gut. Am besten wäre ja, wir liessen sie in Frieden. Aber dann müssten wir zugeben, dass das Essen in unseren Tetrapacks weniger mit Natur zu tun hat als deren Verpackungen. Und dann bliebe uns nur die Verdammnis.

 

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