Zivilisationscrash

Denn was täte ich,
wenn die Jäger nicht wären, meine Träume,
die am Morgen
auf der Rückseite der Gebirge
niedersteigen, im Schatten.

(nach Ilse Aichinger)


Nicht zu verkaufen (oder) Das richtige Erleben.

Als Kind träumte ich mich kurz vor dem Einschlafen oft in die Berge. Sie waren Rettung, Sehnsucht und Geheimnis zugleich. Wenn die Welt unterginge, die Stadt, in der ich wohnte, von dämonischen Wesen bedroht würde, wusste ich, die Berge würden der einzige Ort sein, an dem Zuflucht zu finden wäre. Mein ganz privater Film von Abenteuer, Sehnsuchtsort und wohligem Gruseln. Berghüttenbunker. Unverkäuflich.

Als Erwachsener steige ich, nunmehr Wanderer, in die »Bergeinsamkeit«, meinen »Sehnsuchtszielen« entgegen. So jedenfalls sagt es der Wanderführer in meinem Rucksack. Im gedanklichen Gepäck befindet sich eine Mischung aus jener kindlichen Abenteuerlust und der Begründungslogik des gereiften Bergausflüglers. Denn einen Grund, die an sich sinnlose »Eroberung des Unnützen« anzugehen, braucht es wohl. Den hat es immer gebraucht.

Frage: Warum gehst Du in die Berge? Antwort: weil ich es kann.
Ob weisse Flecken auf der Landkarte einzufärben waren oder die Verewigung im Gipfelbuch zur Disposition stand: Die Frage nach dem "Warum" unterfütterte alpine Grosstaten von Beginn des Alpinismus an. Nebenbei entstanden brauchbare Schablonen für die Berichterstattung. Sehnsucht. Abenteuer. Zivilisationsflucht. Und von Anfang an lieferte die Rekordjagd in den Bergen so nebenbei Steilvorlagen für den aufkeimenden (Massen-)Tourismus. Luis Trenker für den Prospekt.

Ich werde klein im Angesicht der Berge, also bin ich?
So besichtigen wir heute in erster Linie nicht die Alpen mit eigenen Augen und aus innerstem Antrieb, sondern wandeln auf den Klischee beladenen Spuren der Altvorderen, die hier Nervenkitzel, Freiheit und Selbstbestätigung suchten. Unser Alpenerlebnis ordnet sich bewusst oder unbewusst in diesen Katalog der verfügbaren Geschichten ein, sucht sich die passende Folie für die eigene Geschichte,die es daheim den staunenden Verwandten zu erzählen gilt. Schwer zu sagen, wo in diesem Spiel die Grenze verläuft, zwischen den Verheissungen der Vermarktung und dem was wir schamlos als unser eigenes, "richtiges" Erleben verbuchen können.

Und damit "Willkommen im Alpentheater" Ein riesiger Bühnenraum mit Sommer- und Winterspielzeit. Jahr für Jahr neue Inszenierungen - fragt sich: welchem Drehbuch können wir folgen, ohne das Gefühl, im falschen Film zu sein? Wohlfeile Dramaturgie gibt's in rauen Mengen und meist sogar frei Haus. Wir werfen »wehmütige Blicke ins Tal«, treten zugleich die »melancholische Flucht« aus selbigem an. Das »Steigen wird uns zur Lust«. Wir begeben uns »auf die Spuren der Entdecker« - gottlob sind die für uns abgestürzt, erfroren oder oder auf Nimmerwiedersehen in den Spalten der Vergangenheit verschwunden - und immer, immer schweben »Freiheit und Abenteuer« über den »grandiosen« Graten, quasi garantiert. Mit ein bisschen Glück ergeben sich noch »gewaltige Aussichten«.

Wanderst Du noch oder erlebst Du schon?
Vor diese Frage gestellt, bleibt uns Alpenwanderern offensichtlich nur der Griff zum Katalog. Touristische Imperative hämmern auf uns ein: Kaufe das richtige Produkt! Für das richtige Wandern! Suche das richtige Ziel! Erlerne die richtige Gehtechnik! Entfliehe dem Stress, der überreizung deines Nervenkostüms, finde zu Dir selbst, werde endlich, der du bist!

Gibt es ein richtiges Wandern im Falschen?
Versuchen wir, den klischeebeladenen Fettnäpfen auszuweichen. Wir wollen das Echte. Dafür sind wir ja hier. Wir wollen die Einlösung des Versprechens, das uns die Kindheit gab. Wir wollen in die Berge gehen und dort das Gegenmodell zu unserem Alltag finden. Ein Modell, mit dessen Hilfe wir zu den inneren Werten finden, die möglicherweise in uns schlummern und die wir für kein Geld der Welt hergeben werden. Aber existiert das noch, ein glaubwürdiges Alpenerlebnis, frei vom Kapital und seinem drängenden Anspruch auf Zins und Zinseszins?

Doch.
Etwas, das uns angesichts der Berge im Innersten glaubhaft berührt, ist geblieben. Die "Jäger" "meine Träume" steigen noch immer nieder "im Schatten". Nur sind wir prosaischen Normalwanderer in der Regel lyrisch unbegabt und müssen uns derlei Annäherungen an "das Echte" bei Dichterinnen wie Ilse Aichinger borgen. Und wenn wir etwas Eigenes formulieren sollten? Gross ist die Gefahr, auf dem Steilhang des Gewöhnlichen auszurutschen und in die Schlucht des nächstbesten Werbeverantwortlichen von Hinterzupfingen abzustürzen. Begriffe wie "archaisch", "existenziell" oder "innerlich" lägen nahe, klingen aber leider wie aus dem Hauswörterbuch Reinhold Messners entlehnt. Also Klappe halten und still für sich bleiben?

Was mich betrifft
. Sich klein fühlen vor dem Gebirge und doch weit und gross. Eine wundersame Stille in sich spüren, die Zeit braucht, bis man sie hört. Den Aufruhr bemerken, den die Zivilisation täglich in uns entfacht und den wir ja gewollt haben und wieder wollen werden. In die Berge gehen, nicht, um die Flucht vor dem Alltag anzutreten, sondern um sich eine Distanz zu erlaufen, aus der gedankliche Spannung entsteht. Ich gehe und bemerke, dass hier oben nicht Zeit vergeht, sondern Landschaft einen Zustand hat. Und morgen einen anderen. Und dass ich nicht Teil dieses Morgen mehr sein werde.

 

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Zivilisationscrash von Gunnar Krueger steht unter einer Creative Commons Namensnennung-Nicht-kommerziell-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland Lizenz.
Über diese Lizenz hinausgehende Erlaubnisse können Sie unter http://www.kruegerknop.de/ erhalten.

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