Gold

Was will man schon ahnen, wenn man als Bub von zehn Jahren zum ersten Mal hinter dem Schloss Elmau den langen Ziehweg und dann die Pfade hinauf zum Schachen läuft? Wie soll man das, was einem angedeutet wird, schon vorab verstehen? Dort oben muss das, was ein Junge glaubt zu wissen, noch einmal kalt lächelnd sein knabenhaftes Kartenhaus einpusten.
Die ehemalige Jagdhütte von Maximilian I diente dem bayerischen König für seine Aufenthalte in den Bergen. Dort, wo er meistens – ohne sein verhärmte Gattin – wie entflohen zusammen mit seinen Denkkumpanen und Staatsfreunden Gemsen geschossen und abends beim Wein gesessen war. Sein Sohn hat die Hütte überbauen lassen und sie dann zu seinem Fluchtpunkt gemacht. Es steckt eine Geschichte in der Geschichte. Aber das konnte ich ja nicht ahnen, als ich mit den Eltern dort hinauf stieg und erst noch den Alpengarten mit den verschiedenen Moosen und Kräutern, den Latschen und geduckten Pflanzen an den Steinen mit dem Blick auf den Schneeferner und die Spitze der Zugspitze für die eigentliche Sensation hielt. Wir blieben nicht lange davor stehen, dann löste mein Vater eine Karte für die Besichtigung des Schlosses Schachen, wir sammelten uns am Eingang zur Führung, drückten uns durch die unteren Räume und waren leidlich beeindruckt von den holzgetäfelten Räumen im Parterre des Baus. Sichtlich schöner, als die Innenräume einer Hütte dort oben über 2000 Meter zu sein haben. Das alleine war schon besser als ein Alpengarten, aber das war es nicht. Schon eher die gehörten Geschichten über diesen Mann mit den faulen Zähnen und der Schwärmerei für einen Opernkomponisten. Zusammen mit den Schilderungen von Dutzenden an Mulis, die die Küche für ein königliches Dinner hinauf zu König Ludwig II schafften, wenn er dort auch unterhalb der Dreitorspitze ein mehrgängiges Menu für den Abend und dann die Nacht wünschte. Die Nacht, seine Zeit. Wenn selbst die Berge noch stiller im Vollmondlicht zu stehen schienen. Musik bei Vollmond konnte ich mir gerade noch vorstellen.
Wir gingen die enge Wendeltreppe hinauf, und mir blieben die Augen starr. Im sanften Glaslicht maurischer Fenster waren überall nur Kissenlandschaften in einem Raum voller Gold und Pfauenfedern vorzufinden. Mit dem vagen Blick hinaus in eine bald verschneite Bergwelt lag er also dort auf den Kissen, liess sich nach dem Dinner Champagner reichen und träumte von einer anderen Welt. Gab sich seinen Bildern vom Morgenland hin, hatte Szene von Delacroix vor Augen. Von exotischen Welten mit eigenartig anheimelnden Gerüchen und Geräuschen. Er träumte sich in der Hochgebirgslandschaft mit dem fabulösen Dachsaal in ein zweites Königreich und vergass sein eigenes dabei. Wie hätte ich das vorher wissen können, wo man mir nur das nebulöse Wort eines „Jagschlosses“ zu bieten hatte? Nichts konnte ich wissen, gar nichts, und jetzt brach es in den wenigen Minuten der Führung über mich hinein, musste blitzartig in mir Platz finden, bevor man uns fast ungeduldig wieder hinunter schaffen wollte, um der nächsten Gruppe Platz zu schaffen. Wie hätte ich das wissen können und wie sollte das in mir so schnell eine Ordnung fassen? Ich taumelte fast, mit den mir eingebrannten Bildern eines diffusen Lichtes voller Traumwelten und weicher Kissen, voller Pfauenfedern und Golddecken, wieder die Wendeltreppe hinunter und versuchte Worte zu fassen, meinen Vater zu fragen, ob ihm das alles vorher klar gewesen sei. Und dass der Alpengarten doch gar nicht dabei mithalten könne. Aber der war schon in Gedanken an ein Bier wieder ins Freie getreten, wo meine Mutter auf uns wartete. Sie machte sich nichts aus Schlössern. Sie träumte andere Träume. Und ich stand da und wusste, dass mir eine Türe aufgegangen war. In mir selbst. Eine, die nun windschief verzogen sich nicht mehr schliessen lassen wollte. Auf dem Weg hinunter zur Elmau kam mir der Kiesweg schäbig und real vor.

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