Entleert und das Ende
Es ist ja nicht so, dass die Bevölkerung in den Alpen zunimmt. Im Gegenteil.. Sieht man von den Saisonkräften in den touristischen Orten ab und vergisst für einmal die grösseren Siedlungen in den Basistälern, so zeigt sich einem schnell, die Alpen leeren sich. Das nennt sich "Überalterung" und "Renaturierung". In den Seitentälern verschwinden ganze Dörfer mit einem Mal, sobald sie auszusterben beginnen. Die Alten können nicht gehen, sie sterben vor Ort. Zurück bleibt vielleicht eines der immer unrentableren Skigebiete. Und dort zieht sich der Schnee Jahr um Jahr weiter zurück. Infrastruktur, den letzten Hinterbliebenen in den Streudörfern nahe der Baumgrenze zuliebe erhalten, wird irgendwann mürbe und verschwindet. Die wenigen Wanderer machen vielleicht noch an drei Monaten im Jahr einen Berggasthof rentabel. Aber auch diese Form des Besuchs in Sommermonaten geht zurück. Die einsame Natur suchen immer weniger. Wenige Stellen bleiben bespasst. Sie stehen für alles, das man mit dem Wort "Zirkus" umgibt. Aber die Skizirkusse tauen trotz des Kunstschnees. Und eine Riesenrutschbahn oder ein Bobparcour machen noch keinen Sommer.

Leer also, zunehmend verödet. Die Häuser bald wertlos. Strassen sind am Verschwinden, Seilbahnen abgebaut und Viehweiden verwuchern. Muss das schlecht sein? Für wen ist das wirklich eine Katastrophe? Das Tal träumt wieder ohne seine Menschen weiter. Die Wildnis ist erst einmal eine grosse Stille, die vor sich hin steht und auf nichts wartet.

Dabei sind die Berge vielleicht gerade dann, wenn im Flachland das Wasser zur Neige geht und sich die Probleme häufen, ein neues Refugium. Nach einer grossen Katastrophe öffnet sich der Blick auf die kargen aber weitaus intakteren Landschaften. Man kommt zurück und krallt sich fest. So wie man wieder bei seinen Eltern einzieht, wenn alles nicht mehr aufgeht. Dann kommen die Menschen zurück. Ein letztes Mal.

Es gibt keinen Anfang von einem Ende. Mehrere Ereignisse verknüpfen sich und führen zu etwas Neuem. so war es auch mit der Neubesiedelung der Alpen.

Eine Katastrophe besteht nicht aus dem einen einzigen Knall. Nirgends kommt es nur zu einem Unglück. Die Katastrophe braucht eine Verknüpfung. Sie generiert durch dessen Verstärkung ein Netz von Veränderungen, die sich nicht für alle zum Vorteil entwickeln. aber wann ist das schon der Fall. So auch hier. Da ist ja seit langem der Anstieg der Tempteraturen. man weiss darum seit 100 Jahren, aber alleine das scheint niemanden zu einer Sinnvollen Massnahme zu veranlassen. Reden darüber? Ja, viel, auch medienweit. Aber das ist es dann schon. Es kommt der Anstieg der Wasser, denn das Eis hält der Wärme nicht mehr stand. Auch keine Überraschung. Dann kommt es zum Umkippen der Meeresströmungen, die Ermten fallen in den nun schlagartig anderen Klimazonen schlagartig nicht mehr in genügender Grösse an. Hunger, Stürme, überflutungen. Aber auch das ist noch nicht die Katastrophe, von der alle sprechen. Sie tritt ein, als diese Schädlinge stärker werden und durch die weltweite Verteilung des restlichen Saatguts überhand nehmen. Das geht schnell, zu schnell, innnerhalb zwei bis dreier Ernten. Eine Krankheit erfasst auch von China aus die Menschen. Sie ist wie eine Grippe, manche munkeln, sie habe mit Insektiziden zu tun, aber es kann auch nur ein Zufall sein. Hunger folgt. Kriege brechen aus, es geht um die Resternte. Offiziell hat es mit Religionen und dem Guten gegen das Böse zu tun. Das hilft den Millionen von Opfern schon in der ersten Welle auch herzlich wenig. Die grossen Städte mit zwei Dritteln der Menschheit dezimieren sich in einer unglaublichen Geschwindigkeit, Atombomben zünden. Bei allem Unglück nicht alle, das rettet wenige. Die in den Gebirgen. Hier ist das Klima noch erträglich, hier haben sich alte Getreidesorten in den Seitentälern gehalten. Bis hierhin schaffen es die Kriege nicht, Es sind wenige Orte, die hoch gelegenen, weit ab von den Passagen. Die Unwegsamen. In Europa sind es nur die Alpen. Um sie herum ist der Boden kontaminiert, das Wasser vergiftet. Fluten haben weite Teile Europas unter sich, Deiche haben aufgegeben und lassen das Wasser verblüffend weit einfluten. Ein Meeresspiegel steigt auch in Friedenszeiten. Es ist wie in einem dieser Katastrophenfilme, die man vor hundert Jahren in den damaligen USA in die Welt setzt. Es sich vorstellen und das in Bilder kleiden können sie ihre eigene Katastrophe nun, die Überleben. Sie brauchen dazu kein Popkorn mehr. Sie stehen dabei mitten im Leben, es gibt keine Sitze vor einer Leinwand dazu. Sie können sie nicht verhindern. Und jetzt sind sie da, die Katastrophen. Nun bleiben auf diesem Kontinent ein paar Tausend am Leben und bauen eine Alpenzivilisation. Ohne Kontakt zu denen, die sich in anderen Zonen der Welt neu formieren. Man muss nicht mit allen auf der Welt in Verbindung sein, nur weil man sich auf einem Globus zusammen wähnt.

Die Zeit beginnt neu.

 

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Entleert und das Ende von Harald Taglinger steht unter einer Creative Commons Namensnennung-Nicht-kommerziell-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Schweiz Lizenz.
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