Nebel

Wir waren in den Nebel hineingefahren. Mit der Bahn am Kreuzeck, dann weiter im Nebel in Richtung Osterfeldkopf. Eine Stunde, wenn man zügig und bei guter Sicht geht, aber davor bogen wir an diesem Tag ab, in Richtung der Schöngänge. Dann weiter den Weg hinan, bis fast an den Klettersteig und links davon weg, denn wir wollten im Nebel nicht klettern. Wir wollten auf den Sattel und dann weiter auf die Alpspitze, über den Nebel. Da war so eine milchige Schicht zwischen uns und dem Gipfel, die galt es schnell zu durchsteigen. Dann würden wir den Nebel weit unter uns lassen. Wir schritten also voran, verloren uns nach 30 Minuten im Weg zwischen den Latschen, verpassten die Führung des Pfades und landeten in einem gefühlten Aufstieg. Der Nebel verschluckte schon nach wenigen Metern vor uns die Bergwiese, wir liefen trotzdem voran und hinauf, bis wir nicht mehr wussten, wo wir waren, nur dass wir nirgendwo bergab liefen. Es war kein Geräusch zu hören, selbst der Wind wurde von etwas Unklarem geschluckt und kam nicht mehr daraus zurück. Nass legte sich etwas auf unser Gesicht. Nicht ein Laut, wir begannen ab und an etwas am Hang abzurutschen, und wir schritten vorsichtiger voran. Da, weiter vorne, kamen Schatten auf uns zu und lösten sich aus der unsichtbaren Umgebung. Gemsen, die ohne einen Laut, ohne uns anzuschauen vorbeischritten und gen Tal zu laufen schienen, wir waren in eine Herde geraten und wurden nicht beachtet, kannten nicht den Weg, sahen nichts außer einer Leere, aus der die Tiere kamen und vorbei an uns weiter gingen. Es war nicht so sehr ihr Auftauchen, als vielmehr die Art uns vollkommen zu ignorieren. So als wären wir ganz selbstverständlich hier und würden uns täglich kurz vor dem Abgrund verlaufen oder an den Felswänden herumlungern. Fast schienen wir sie zu langweilen, zumindest signalisieren sie uns deutlich, dass wir keine Gefahr für sie darstellten. So als wüssten sie, dass ein weiterer Schritt sie zurück in den schützenden Nebel führen würde, und dass wir vollkommen andere Probleme hatten als Frischfleisch jagen zu wollen. Auf der anderen Seite schienen sie uns nicht einmal beiseite stossen zu wollen, sie flossen als Herde einfach an uns vorbei und berührten uns so wenig wie das ein Fischschwarm unter Wasser tut. Auch genauso geräuschlos. Als die Gemsen, vielleicht 30 oder 40 Stück, an uns vorbei gelaufen waren und wir nach einer Pause des Erstaunens wieder ganz alleine vor uns hin tappten, wussten wir, so geht das nicht. Wir mussten von hier aus zurück, vielleicht den Tieren folgen, aber auf jeden Fall zurück. So als hätten sie uns unterbewusst eine kleine Warnung zukommen lassen. Es war hier nach ihrem Auftreten zu leise, das konnte man verstehen. Deshalb konnte es auch nur eine Art der Reaktion darauf geben, Abstieg. Es ging wieder ins Tal, der Gipfel existierte an diesem Tag nicht für uns, es gab ihn vermutlich hinter dem Nebel gar nicht mehr. Immerhin hatte er uns am Leben gelassen.

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