Zittern am Morgen

Dieses Zittern morgens. „Wir fahren nach Garmisch. Bergsteigen.“ hatte es abends geheissen. Und dass es hoffentlich bei Sonnenaufgang schönes Wetter habe. Vielleicht doch, trotz der Wettervorhersage am Abend. Man holte mich morgens sehr früh aus Bett, und ich: aufgespannt wie eine Feder, sprang aus dem Bett, schon beim Knarren meiner Schlafzimmertüre. Nach vorne in die Wohnküche. Dort stand Vater, bereits mit seiner Bundhose und den roten Wollsocken angetan, das weißrot karierte Hemd hochgeschlossen, sorgenvoll aus dem Fenster schauend. Das Wetter, noch unschlüssig. Ob es wohl reichen würde für den Tag in den Bergen? Ob es das Benzin wert wäre. Vertan werden soll ein Sonntag nicht, so er. Schönwetterbergsteiger aus Überzeugung. Und aus Vernunftgründen. Was sollte man auch bei Regen dort. Nass herumlaufen etwa? Sinnlos sei das. Also würde eine klare Entscheidung auf der Basis einer guten Wetterprognose gefällt werden. Natürlich von ihm, schliesslich gehe es, neben des Verbrauchs an gutem Bezin, um einen Tag in den Bergen, mit der ganzen Familie. Und ich schlich mich in die Küche kommend an ihm vorbei, sass halb angezogen, abwartend auf der Couch, zitternd. Der Morgenkälte wegen vielleicht, oder weil ich es mit meinen fünf Jahren nicht gewohnt war, so früh aufzustehen und aus dem Schlaf gerissen zu werden. Der Körper vibrierend, vielleicht aber auch der Aufregung wegen. Ich hoffte auf den erleichternden Satz, auf drei Wörter, solche wie „probieren wir es“. Aber Vater liess sich an diesem Morgen Zeit. Zu unklar das Spätseptemberwetter, noch lichtete sich der Morgennebel nicht. Die Sonne war nicht zu sehen, da, zwischen den Nachbarhäusern der Gottwalds und Wicks. Die Baulücke zwischen den zugewandten Mauern wollte noch keinen einzigen Strahl von ihr zeigen. Dort hätte sie sich schon längst gezeigt, wäre der Himmel wolkenlos gewesen. Selbst an einem frühen Septembermorgen wäre ein Verlauf von Blau zu Gold schon zu dieser Zeit weich von ihr in den Himmel gemalt worden. Aber heute blieb der Himmel dunkel, fast düster. Und ich sass da, schlotterte kurz auf, zog mich ganz an, setzte mich leise an den gedeckten Frühstückstisch, ass dann ein wenig von meinem Honigbrot und beobachtete Vater, wie er weiter fragend den Himmel absuchte. So, als könnte er schon auf einem Gipfel stehen und von dort weit in die Ferne schauen. Das rote Karohemd in der Kniebundhose, die roten Socken schon in den Bergschuhen. Er wollte es doch auch, aber ich traute mich nicht, ihn um diesen Tag zu bitten. Stattdessen wartete ich kauend darauf, dass sich sein Blick zu uns richtete, auch zu meiner Mutter, die sicher das letzte, wenn auch leise Wort darüber hatte, ob wir uns in den Wagen setzten. Ich wartete kauend ab und betrachtete seinen Hakelstecken, der neben der Kommode zum Gehen bereit gelehnt war. Darauf befanden sich die Zinnwappen von Garmisch mit Zugspitze, Oberammergau, Oberstdorf, Füssen, Tannheim und merkwürdigerweise auch Lindau. Überall ausser in Lindau waren wir gewesen und hatten ihn zufrieden diese Wappen kaufen sehen, die er dann am Abend mit kleinen Nägeln der Reihe nach in Richtung der Eisenspitze am gebogenen Holz festnagelte. Der Hakelstecken war unser Logbuch, zeigte unsere glücklich erstiegenen Gipfel, auch wenn man nur die Orte auf den gepressten Andenken finden konnte. Aber er stand für unsere kleinen Eroberungen bei schönem Wetter. Der würde gepackt und mitgenommen werden. Eigentlich genauso wehrlos wie meine Schwester, die eher desinteressiert und eigentlich auf eine Absage hoffend neben mir frühstückte. Mutter sass neben uns und löffelte abwartend neutral in ihrem Morgenkaffee. Ich war der Einzige, der noch mehr als seinen Schlaf für ein Losfahren in Richtung Garmisch gegeben hätte. Alle anderen, so schien es mir, würden das so etwas Nebensächlichem wie dem Wetter überlassen. Aber ich, ich wäre auch im Regen auf das Kreuzeck gewandert, weiter zum Osterfelderkopf, vielleicht sogar in die Schöngänge hinauf zur Alpsitze eingestiegen. Ich wäre wahrscheinlich wieder der, der ohne ein Zeichen von Anstrengung am Gipfelkreuz des Kramers oder Wanks auf die anderen wartete. Und dann, nach ein paar Minuten, käme Vater schwer atmend, unseren Hakelstecken rhythmisch einstechend, hinterher, würde sofort sein Gipfelbier aus dem Rucksack ziehen und mir wortlos meine Limonade reichen, während meine Mutter und meine Schwester noch lustlos und ein wenig mühevoll die letzten Serpentinen zu uns hinauf stapften. Die Zugspitze und die Waxensteine wären zu sehen, Bergdohlen könnte man füttern. Es gäbe Landjäger aus dem durchgeschwitzten Rucksack, und ein Stück Brot. Im Tal unten vielleicht ein Eis vor der Heimfahrt. Ich würde beim Einschlafen noch den Weg vor mir sehen, wie ich ihn wieder und wieder hinunter rannte. Ganz deutlich, bis in meinen glücklichen Schlaf hinein.

Aber jetzt war alles unklar.

Vater war immer noch nicht zu seinem Entschluss gekommen. Er stand da und schwieg. Bedrohlich, wie es mir schien. Die Hände in den Hosentaschen, darin vielleicht den Autoschlüssel suchend. Hingegen, was stände denn zur Auswahl, wenn das Wetter sich zum Schlechten wendete? Was fängt man an einem regnerischen Sonntag, zu weit vom nächsten Berg entfernt, an? Meine Mutter hatte es da einfach, sie würde sich um einen Braten kümmern, der ja dann doch mittags auf dem Tisch zu stehen hatte. Vater konnte immer noch zu seinen Freunden ins Wirtshaus gehen und nach dem Frühschoppen und einem zufrieden gefüllten Magen eine Runde auf dem Sofa verbringen, bevor er das Wohnzimmer für einen Nachmittagsfilm aus den 60ern freiräumte. Meine Schwester hatte eine Freundin in der Nachbarschaft. Aber ich? So ohne ein Gipfelkreuz, so ohne den Blick auf meinen Lieblingsberg, ohne den Geruch der Latschen beim Aufstieg? Ich würde den Tag hassen. Ihn schnell zu den wenigen bereits gelebten legen wollen. So tun, als wäre ich gar nicht erst aufgestanden und hätte nicht diesen gottverdammten Satz am Vorabend gehört, morgens Vater in seiner zeitgemässen Bergtracht gesehen. Ich würde so tun, als wäre der Tag immer schon chancenlos langweilig und träge vor sich hin gelaufen.

Draussen, auf dem Pflaster der Terrasse hörte ich es schlagartig rauschen. Als ich entsetzt um die Ecke blickte, hatte sich das Pflaster dort schon feucht eingefärbt. Vater nahm die Hände aus den Taschen, atmete aus und bückte sich, um die Schuhe aufzuknüpfen. Wir anderen sassen eine Weile lang da und hörten still dem Regen zu.

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Zittern am Morgen von Harald Taglinger steht unter einer Creative Commons Namensnennung-Nicht-kommerziell-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Schweiz Lizenz.
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