Was passiert einem Hotel, wenn die Gäste ausbleiben? Das "Geiger" in Berchtesgaden zeigt musterhaft, was passiert, wenn der Tourismus wegbricht. Wer von Bischofswiesen nach Berchtesgaden fährt, kann "dem Geiger" beim Sterben zusehen. Das Hotel an der Berchtesgadener Strasse ist nicht zu übersehen: Ein denkmalgeschützter, mondäner Komplex in traumhafter Lage. In seiner Blütezeit galt das Hotel als eines der ersten Adressen Deutschlands - heute trägt seine Fassade die Züge einer Diva, die verbittert dem Verfall trotzt. Jahr für Jahr verschwinden seine Bauten weiter hinter wucherndem Grün, als zöge sich das Hotel verschämt in den Wald zurück.

  







Das Geiger besass nie die nüchterne Zweckmässigkeit und Perfektion moderner Hotels. Treppen und Böden knarzten ein wenig, die Armaturen waren verschnörkelt, die Wannen tief, das Gebäude verwinkelt, der nachträglich eingebaute Lift immer zu klein. Dafür war jede Schranktüre mit einem anderen Vogelmotiv bemalt, kein Raum glich dem anderen, im Kaminzimmer konnte man herrliche Abende verbringen, der Weinkeller war gut sortiert, auf den Biedermeiermöbel sass man gemütlich, der Service war exzellent - das alles erzeugte einen Charme, der so gar nichts mit dem bayerischen Gemütlichkeits-Kitsch zu tun hatte. Das Haus und seine Besitzerfamilie strahlten eine Grandezza aus, die heute nicht mehr erreichbar zu sein scheint.












Zunächst wurden alle oberirdischen Überreste des Berghofes und seiner Nebenanlagen vollständig geschliffen. Dies geschah seitens der Siegermächte aus Angst vor dem glorifizierenden Tourismus der "Ewiggestrigen". Die Nachkriegsgesellschaft der BRD setzte der Spurenbeseitigung aus Scham und Angst, mit der Schuld der Väter und Großväter konfrontiert zu werden, nichts entgegen. Der Berg wurde "tiefenttrümmert", wie es Florian Beierl vom Obersalzberg Institut in Berchtesgaden in seinem Aufsatz "Dokumentation und Destruktion" zum Denkmalschutz am Obersalzberg treffend beschreibt. Vier Jahrzehnte dauerte es bis mit dem Bau des Dokumentationszentrums unterhalb des in den 90er Jahten abgerissenen Platterhofes ein seriöser Versuch unternommen wurde, sich mit der Geschichte des Berges auseinanderzusetzen.