Ein berührter Ort

Traumhaft ist es hier. Meine beiden Kinder juchzen bei Kaiserwetter in ihren Plastikschlitten die Sommerrodelbahn hinab. Ein fürs andere Mal rasen sie die Edelstahlrinne hinunter Richtung Tal, das beeindruckend vor uns liegt. Wunderschön ist er, der Obersalzberg. Der Blick zum majestätischen Watzmann, dahinter das steinerne Meer über dem Königsee, die Aussicht runter auf Berchtesgaden, den Kreuzungspunkt dreier Täler.

Eine einzigartige Idylle? Im Chiemgau oder im Werdenfelser Land findet man ebenso Orte dieser Qualität. Einzigartig an diesem Berg ist nicht das Idyll, es ist der Schatten, der über ihm liegt. Der Schatten Adolf Hitlers, der den Berg als zweiten Hauptsitz für das 1000jährige Reich auserkoren hatte.
Der Schatten der Schuld an Verbrechen, die, auch hier oben geplant, Tod und Trauer über die Welt gebracht haben. Kann ein Ort Schuld auf sich laden? Dieser Gedanke lässt mich nicht los. Ebenso wie die Frage, wie mit der Geschichte des Obersalzbergs bis heute umgegangen wird.
Zunächst wurden alle oberirdischen Überreste des Berghofes und seiner Nebenanlagen vollständig geschliffen. Dies geschah seitens der Siegermächte aus Angst vor dem glorifizierenden Tourismus der "Ewiggestrigen". Die Nachkriegsgesellschaft der BRD setzte der Spurenbeseitigung aus Scham und Angst, mit der Schuld der Väter und Großväter konfrontiert zu werden, nichts entgegen. Der Berg wurde "tiefenttrümmert", wie es Florian Beierl vom Obersalzberg Institut in Berchtesgaden in seinem Aufsatz "Dokumentation und Destruktion" zum Denkmalschutz am Obersalzberg treffend beschreibt. Vier Jahrzehnte dauerte es bis mit dem Bau des Dokumentationszentrums unterhalb des in den 90er Jahten abgerissenen Platterhofes ein seriöser Versuch unternommen wurde, sich mit der Geschichte des Berges auseinanderzusetzen. Das Dokumentationszentrum unter dem Großparkplatz wird nur von einem Bruchteil der Obersalzberggäste besucht. Der Touristenstrom konzentriert sich vor allem auf den einzig verbliebenen Originalort am Berg, dem Kehlsteinhaus, spektakulär gelegen auf der Spitze des gleichnamigen Berges über dem Obersalzberg. Das Kehlsteinhaus, das Hitler zu seinem 50. Geburtstag als Teehaus von der Partei geschenkt wurde, ist zu einem Ort des Massentourismus verkommen, zu einer durchschnittlichen Ausflugsgastronomie mit Bedienungen in auferlegtem Trachtenzwang und den üblichen bayrischen Aufwärm- und Halbfertigprodukten. Die Geschichte ist in den hintersten Winkel des Hauses verbannt. Auf der Rückseite eines Aussichtsbalkons, hinter dem leerstehenden "Eva Braun-Zimmer" findet sich eine Fotodokumentation der Nazigeschichte des Hauses auf dem gestalterischen Niveau einer Gymnasialfacharbeit.
Busseweise werden tagtäglich Touristen auf den Kehlstein transportiert. Kaum einer kommt wegen der atemberaubenden Aussicht hier hoch. Das Kehlsteinhaus, the Eagle's Nest, wird gerade von den Amerikanern mehrheitlich als Symbol für den Sieg über Nazideutschland gesehen. Durch die fehlende Auseinandersetzung wirkt das Kehlsteinhaus wie die Höhle des Bösen einer James- Bond- Filmkulisse, die im Unterschied zum Strickmuster der Filme nach der Weltenrettung am Ende zufälligerweise nicht zerstört wurde. Dass Nazideutschland tatsächlich existierte und welcher Wahnsinn dahinter stand wird im Kehlsteinhaus nicht vermittelt. Auf der Webseite des Kehlsteinhauses wird um Verständnis gebeten, dass im Kehlsteinhaus "aus Rücksicht auf unsere Gäste keine Führungen durch Reiseleiter gestattet" sind. Die gleiche Webseite wirbt: "Über die atemberaubende Kehlsteinstraße und den luxuriösen Kehlsteinlift geht ́s hinauf zum Bergrestaurant Kehlsteinhaus, dem Eagle's Nest. Genießen Sie das grandiose Panorama, den schnellen Service und die gute Küche. Das Haus im unberührten hochalpinen Umfeld wird Sie begeistern..." Das Umfeld hier ist nicht unberührt. Es ist grauenhaft berührt. Der Obersalzberg ist einer der zentralen Orte der Geschichte des 20 Jahrhunderts und im Umgang mit seiner Geschichte ein Spiegel unserer Gesellschaft über die Jahrzehnte. Als einzigen unzerstörten historischen Ort auf dem Berg kommt dem Kehlsteinhaus besondere Bedeutung zu. Es sollte ein Lernort für uns alle sein. Wir sind es uns und unseren Kindern schuldig diesen Ort dazu zu machen.

Die akkustische Version des Textes als Höressay, gelesen von Josef Eichhorn, findet sich hier.

 

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