Brotzeit bei Adolf
Besuch in einem Wirtshaus, das eigentlich nicht viel mehr sein will, als eine Panorama-Gaststätte. Gruseln-Light im Bayernland.




Der Himmel ist heute grau in grau. Diese unattraktive Ausprägung des Reisewetters wird lediglich unterbrochen von ausgiebigen Regengüssen. An der Busstation beim Obersalzberg muss man ausnahmsweise nicht lange auf einen Platz für die Fahrt hinauf zum Kehlsteinhaus warten. Die Bergspitze ist in Wolken gehüllt, vom Fuss des Berges nicht auzumachen. Der Bus füllt sich trotz des stattlichen Fahrpreises von 15.50 Euro zügig. So kann die Reise bald losgehen. Unser Ziel ist das Kehlsteinhaus, von den Amerikanern mit bewunderndem Unterton als "Eagles Nest" bezeichnet. Dieser "Adlerhorst" liegt auf beinahe 1800 Metern Höhe und zieht jedes Jahr rund 300'000 Besucherinnen und Besucher an. An Spitzentagen transportiert die Busflotte bis zu 4'000 Personen die abenteuerlich steile und schmale Strasse hinauf. Kreuzen können die Busse unterwegs nicht. Deshalb sind alle Touristentransporter immer gleichzeitig nach oben oder nach unten unterwegs.

Dass an diesem wolkenverhangenen Tag Hunderte den Weg zum Kehlsteinhaus auf sich nehmen, ist nicht allein der grossartigen Aussicht geschuldet, die dort oben wartet. Das Kehlsteinhaus lockt eben auch mit greifbarer Nähe zur jüngeren Geschichte. Das Haus wurde zum 50. Geburtstag von Adolf Hitler mit abersinnigen Aufwand gebaut. Mehrere Tausend Arbeiter bauten die Strasse und das Haus innert nur 14 Monaten. 1938 wurde es seinem Zweck übergeben. Martin Bormann wollte mit diesem Geschenk - so die Geschichtsschreibung - dem Diktator seine planerischen Fähigkeiten beweisen. Hitler übernahm die Gabe, führte Staatsgäste in die beeindruckende Höhe und bewirtete sie. Nach etwas mehr als einem Dutzend Besuchen auf dem Kehlstein wurde er des Geschenks allerdings überdrüssig und beachtete es kaum mehr.

Die Stimme aus dem Buslautsprecher verweist kurz auf diesen historischen Hintergrund, lobt die einzigartige Aussicht, die man auf der weiterführenden Rossweid-Panorama-Strasse geniessen kann - was man gerne glauben mag, an diesem Tag aber bestenfalls erahnen kann. Für den beträchtlichen fremdsprachigen Gästeteil wird die Information englisch nachgereicht. Nach 20 Minuten hält der Buskorso auf dem Parkplatz. Es wird gebeten, aus organisatorischen Gründen gleich den Rückreisetermin anzugeben. Zwei Stunden, hatte die Lautsprecherstimme als übliche Verweildauer rund um das Haus vorgegeben. Also holen sich die Leute den entsprechenden Stempel auf ihren Fahrschein.

Nun also dürfen ältere und jüngere Zeitgenossen hier oben den Atem der Zeitgeschichte spüren. Der erste Weg führt durch einen kühlen Tunnel in den Berg hinein. Am Ende des Ganges nimmt ein verspiegelter Lift mit messingglänzenden Wänden die Gäste auf. Der "Liftboy" ist in der Gegenwart verwurzelt, informiert sich während der Wartezeiten im Sportteil der "Süddeutschen" über die jüngsten Ereignisse der Fussball-WM. Der Fahrstuhl ist voll und steigt in die Höhe. Nach hundert Metern steht die Gruppe im Kehlsteinhaus. Die Mauern sind im Original erhalten, vieles entspricht noch dem Urzustand. Die Amerikaner hatten 1945 die Sprengung des Gebäudes erwogen, dann aber doch davon abgesehen. Das Schicksal des Obersalzbergs, der nach einem Bombenhagel in Flammen aufging, blieb dem Gipfelhaus erspart. Dieser Entscheidung ist zu verdanken, dass Touristen aus aller Welt - in grosser Zahl auch Amerikaner - in Hitlers original erhaltenen Räumlichkeiten tafeln können. Eine zünftige Brotzeit oder eine deftige Haxe begleiten den leichten Schauer, der den Touristen die Nackenhaare leicht aufstellen lässt. Mit dem Buch "Geheimnis Kehlberghaus" in der Hand kann man sich vorstellen, dass der mit Mussolinis Marmor umbaute Kamin Kulisse für einige Staatsempfänge der sinistren Figuren des dritten Reichs bot. Geändert hat sich einzig die Möblierung, die jetzt Platz für Hunderte bieten muss. Die Demokratisierung der Geschichtsgüter sozusagen. Der regnerische Tag ist für den Restaurantpächter beinahe so viel wert wie die Lizenz zum Gelddrucken. Draussen auf dem Wanderweg bewegt sich heute nur, wer einen wasserdichten Schirm oder ein gute Regenjacke dabei hat. Noch mehr als bei anderen Fotomotiven werden sich die Leute zuhause fragen, wo das Bild mit dem bleigrauen Hintergrund wohl entstanden sein mag. Drinnen hingegen blitzt immer wieder eine Kamera und fängt den mystischen Ort digital ein. Zum Ritual gehört der Besuch der "Fotoausstellung" in einem Durchgang. Die englisch und deutsch gehaltenen Texte geben die Baugeschichte des Hauses wieder. Ein wesentlicher Teil des Kontextes bleibt hier aber auf der Strecke. Für Uneingeweihte könnte der Planer und Hitlers Privatsekretär Martin Bormann ebensogut der Chefdekorateur des Dritten Reiches gewesen sein. Die Bildtafeln bieten Geschichte light. Der Kuchen, der freundlich zum Kaffee gereicht wird, soll einem auf keinen Fall im Halse stecken bleiben.



Nach etwa zwei Stunden rollen die Besucher mit dem nächsten Buskorso wieder hinunter zum Ausgangspunkt gleich neben dem Dokumentationszentrum Obersalzberg, dort wo die Täter und ihre Opfer Namen und Gesichter bekommen, das Grauen nicht mehr en passant konsumiert werden kann. Die Besucherzahlen sind im Dokumentationszentrum allerdings nur halb so hoch wie im Kehlsteinhaus. Für diejenigen, die es bei der Busfahrt belassen haben, hat sich der Ausflug trotzdem gelohnt: "Die Aussicht wäre zweifellos erhaben gewesen, hätte es heute bloss nicht geregnet. Und die Brotzeit war reichlich und hat geschmeckt."

 

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Brotzeit bei Adolf von Peter Hunziker steht unter einer Creative Commons Namensnennung-Nicht-kommerziell-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Schweiz Lizenz.
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