Hunger! Aber warum muss Hüttenessen eigentlich immer so mächtig sein?

Während die Dame am Nebentisch von ihrer ersten Gams-Sichtung schwärmt, greife ich zur Speisekarte. Sechs Stunden waren wir heute am Berg. Nun nagt der Hunger. Also, was soll's denn werden? Klassiker Wiener mit Kraut? Gulasch mit Spätzle? Kaspress-Suppe oder Tiroler Speckknödel? Kaiserschmarren mit Kompott? Ein Blick auf die Tageskarte offenbart, was ich vermutet hatte: Gestern sind wegen Dauerregens kaum Alpenvereins-Mitglieder zur Sektionstreffen auf der Memminger Hütte aufgestiegen; nun hat unser Koch Attila Dutzende Schnitzel übrig. Na, dann nehmen wir doch das.

Der Appetit, den unsere kleine Wandergruppe an den Tag legt, ist beachtlich. Wir spachteln, als ginge es um was. Frischluft macht hungrig, die täglichen Touren fordern ihren Tribut. Auf jeden Fall verdrücken wir locker das Doppelte unserer normalen Portionen. Am Berg verschlinge ich, was sonst nicht auf meinem Speiseplan stehen: Mächtiges, Fettes, Kalorienreiches. Ob Fleisch, Nudeln, Käse oder Linsen, alles, was satt und schnell macht, ist erlaubt. Salätchen? Gemüse? Leichtes oder gar vegetarisches Essen? Nun, die Formel für Vegetarisch heißt am Berg gerne "Gulasch mit Spätzle, nur eben ohne das Fleisch". Attila hat ein Einsehen und hält wenigstens Spaghetti für Nicht-Fleisch-Esser bereit.

Essen in Hanglange

Grob gesagt zerfällt Nahrungsaufnahme am Berg in drei Bereiche. Der Tag beginnt mit Frühstück. Meist drei fingerdick geschnittene Schwarzbrotscheiben, Marmelade, Nutellaportionen sowie der unvermeidlichen "bunten kalten Platte" aus fetter Wurst und eher harmlosen Käse.

Gesättigt und mit viel zu starkem Kaffee begossen, schmiert man sich "das Gipfelbrot". Es wird mit dem restlichen Schinken, Wurst, Käse oder Marmelade versehen, in eine dünne Papierserviette gepackt und im Rucksack verstaut. Öffnet man am Gipfel den Rucksack zur zweiten Mahlzeit, hat sich die Serviette garantiert so aufgedröselt, dass sich Krümel hübsch gleichmäßig im Rucksack verteilen, die Butter die Sonnenbrillengläser verschmiert hat und die Käsescheibe unauffindbar bleibt. Der Klassiker wird gerne ergänzt mit Obst (Birnen, Orangen, Weintrauben, Bananen), Müsliriegel oder mitgebrachter Schokolade, die am Gipfel gleich doppelt so süß schmeckt.

Hauptgang des Berg-Speiseplans jedoch ist die "Cuisine Attila", bekannter als Hüttenessen. Während es bei Reisen an die Loire vor allem ums gepflegte Fressen geht, sucht man Haute Cuisine am Berg vergeblich. Klar, der Michelin-Guide sieht gar eine aufkeimende Kultur von Gourmet-Einkehr, 5-Gänge-Menüs und Designer-Hütten. Und Arlberg kann man sich nach dem 5-Gänge-Menüs eine 15-Literflasche Chateau Cheval Blanc für 48.000 Euro gönnen. Doch sind wir ehrlich: Auf den meisten Hütten fällt der Speiseplan in die Kategorie "kalorienlastig". An der eingeschränkten Speisekarte ist sicher die Belieferungssituation schuld. Jede Scheibe Brot, die mit dem Materiallift auf 2.200 Meter gefahren wird, kostet Geld - da ist wenig Platz für Extravaganzen oder tägliche Lieferungen von frischen Salaten.

Kalorien galore

Attika hat noch Strudel mit Pecan-Nüssen übrig, den man auch senkrecht auf den Teller stellen könnte. Dazu gibt's noch Spühsahne obendrauf... egal, her damit! Mit meinem Durchschnittsgewicht von 76 kg verbrenne ich pro strammer Stunde Bergsteigen etwa 500 Kalorien. Am Berg verbrauche ich in vier Stunden also soviel wie an einem normalen Bürotag. Kein Wunder, dass ich ein Pferd vertilgen könnte.

Ernährungswissenschaftler sehen bei normalen Bergwanderungen übrigens kein großes Problem mit dem Spachteln (solange es nicht regelmäßig stattfindet): So werden leere Energiespeicher schnell wieder aufgefüllt. Sie empfehlen ein leichtes Frühstück, um man nicht angemampft und mit irrem Insulinspiegel Höhenmeter machen zu müssen. Lediglich Kletterer oder Freunde extremer Höhentouren sollten aufs Schnitzel verzichten - ihre Akklimatisierung würde sonst empfindlich gestört. Aber das Wichtigste sei bei Bergwanderungen: Trinken, trinken, trinken - nicht weniger als vier Liter am Tag. Gut, dann bestelle ich eben noch ein Bier zum Schnitzel.

 

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Atillas Gulasch von Anatol Locker steht unter einer Creative Commons Namensnennung-Nicht-kommerziell-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland Lizenz.
Über diese Lizenz hinausgehende Erlaubnisse können Sie unter http://www.anatollocker.de erhalten.

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