Das Spiel

Das Kopfkissen war feucht von seinem Speichel. Rentrop versuchte, den Kopf zu heben. Keine gute Idee. Der Schmerz stach zu wie ein Messer. Er ließ den Kopf zurück fallen und grunzte. Ein paar Sekunden lag er ganz still, dann öffnete er mühsam ein Auge. Ein Nachtkästchen, teure Teppiche, offenes Fenster, dahinter Bergkulisse. Gott, ja, er war in Bad Gastein. 

Rentrop war gewohnt, hart zu arbeiten und zu feiern, aber diesmal hatte er es wohl übertrieben. Seit fünf Jahren kam er hierher, aber so exzessiv hatten sie es sich noch nie gegeben. Sein Kopf fühlte sich an, als sei er in einen Schraubstock gezwängt worden. Rentrop fühlte sich schwach. Und das war ungewöhnlich. Denn seine Stärke, sein eisener Wille, seine Intelligenz und seine Gnadenlosigkeit hatten ihn zum Teamleiter gemacht, und ihm eilte der Ruf voraus, ein „harter Hund“ zu sein. Einer, den man besser zum Freund haben sollte, und nicht zum Feind. Das war auch gut so, denn niemand sollte ihm das Wasser abgraben. Das war auch beim Feiern so. Immer war war er der Letzte, der noch stand, wenn die anderen bereits auf Knien in ihre Zimmer krochen.

Langsam dämmerte ihm, was gestern gelaufen war: Er hatte gespielt, Champagner und Cognac gekippt und zu viel Koks erwischt. Die Drogen waren vorzüglich gewesen, der Cognac achtzig Jahre alt, die Nutten schlank und folgsam. Irgendwann musste er die Kontrolle verloren haben. Filmriss de Luxe. Klar, so etwas konnte schon passieren, aber seine Schläfen pochten geradezu widerwärtig. Seine Hand schmerzte. „Scheisse“, dachte Rentrop, „was ist da passiert?“

In seinem umwölkten Kopf tauchte das Bild eines rothaarigen Kellners auf, der eine Fratze zog. Dann fiel es ihm wieder ein. Rentrop hatte dem Kretin eine geknallt, als er die Unverschämtheit besaß, während des Spiels Rentrops Glas umzukippen. Der Champagner war schäumend in die Tastatur geflossen, die natürlich ihren Geist aufgab. Da hatte er wütend geschrien und nach dem Ersten gegriffen, was er erreichen konnte, hatte dem Kellner damit eine über die Rübe gezogen. Dann war es sehr ruhig im Raum geworden, der Kellner hatte gestöhnt, und Ming war aufgestanden. 

Ming Kai war seine Assistentin. Eigentlich war sie mehr: Eine Mischung aus Sekretärin, Beraterin, Butlerin und Personalschützerin. Sie hielt ihm Ärger vom Leib, den er förmlich anzuziehen schien. Im Innersten war sie ihm unheimlich. Die meisten Asiatinnen, die er kannte, waren klein und zierlich. Ming nicht. Sie war groß, breitschultrig, flachbrüstig, und ihre Haare waren für eine Frau zu fettig. Eine Narbe zog sich durch ihr Gesicht, die sie bei einer Prügelei in Shanghai abbekommen hatte. Er wollte gar nicht wissen, was mit dem Typen passiert war, der ihr die Narbe verpasst hatte. Vor seinem geistigen Auge sah er blutverschmierte Beine aus einem Müllcontainer ragen. Er vermutete, dass Ming eine Menge Leichen im Keller hatte. Manchmal befürchtete er, es könnten auch echte sein. 

Ming hat zwei Arten, Dinge in Ordnung zu bringen. Die meisten Wogen ließen sich mit ein paar Tausendern glätten, die Ming immer bar bei sich trug. Wenn das nicht zog, hatte sie andere Tricks auf Lager. Die meisten davon verursachen Schmerzen. Danach war alles geklärt. Einmal brach sie einem schreienden Investor, der auf Rentrop zugestürmt kam, mit einem schnellen, geschickten Hieb das Handgelenk. Er konnte gar nicht so schnell schauen, wie er auf die Knien rutschte. Aber danach war Ruhe. 

Ein weiterer Erinnerungsflash erreichte Rentrops Gehirn. Nach dem Spiel waren die Nutten gekommen. Russische. Tschechische. Italienische. Eine ganze Herde. Was wohl mit der Kleinen geworden war, die er gestern auf dem Hotelflur vernascht hatte? Ja, er war ein wenig grob geworden, dachte er mit leichtem Unbehagen. Er erinnerte sich daran, dass sie erst geschrien und dann gewimmert hatte, aber schließlich musste sie das auch aushalten. Schließlich war er nie zimperlich mit Trinkgeld gewesen. 

Geld war Rentrops geringstes Problem, seit er seiner Firma Bad Gastein auf dem Präsentierteller geliefert hatte. Der Ort, der früher in der Hand des österreichischen Staats, einiger vergreister Hausbesitzer und insolventer Investoren gewesen war, gehörte nun seiner Firma, der „International Credit“. Der Ort war zu schwach, um sich gegen einen Kauf zu wehren. Den Investoren, die nicht mal eine Milliarde aufbringen konnten, war das Geld ausgegangen. Ihre Ideen waren nicht agil genug gewesen, sie hatten keine Simulationen gefahren, hatten die schlechtere Software, keine Ideen, die mussten weg. Rentrop grinste. Regelrecht zu Kreuze waren sie gekrochen, so dringend hatten sie die Kohle gebraucht. Rentrop hatte sie auf die Hälfte heruntergehandelt und sie dann aus dem Ort gejagt. Erst gehörten seiner Firma die meisten Hotels, die Apotheke, diverse Grund- und Wegerechte, die Brücken und die Stromversorgung des Orts. Peu a peu kam der Rest dazu. “Wie beim Monopoly", dachte er und grinste und breit. Die Bad Gasteiner waren schnell weg. Die meisten waren freiwillig gegangen oder hatten gegen eine kleine Abfindung ihre Höfe verlassen. „Peanuts“, dachte er. Alles nur Kleinkram. Die gehörten einfach nicht dazu. 

Dann hatten sie die Hotels luxussaniert und die Preise angehoben. In der Bank sprach man von einem „Investment“. Aber allen Beteiligten war klar, dass das mehr ein Schutzschild war. Kein Fremder kommen würde, keine Russen, keine Araber, und erst recht keine Touristen. Die Preise wirkten wie eine Mauer - Gastein konnte sich niemand mehr leisten – außer seine Besitzer. Und das war gut so. Denn nun hatten die Mitarbeiter eine neue Spielwiese, einen eigenen Ort, wo sie ungestört unter sich waren. Im Winter machte der Vorstandsvorsitzende mit seinen zwei fetten Töchtern hier Urlaub. Dabei konnten die sich nicht mal auf Skiern halten. Rentrop hatte ein Video der beiden gesehen, und er sich nicht mehr halten können vor Lachen. 

Weil er seiner Firma den Deal eingebracht hatte, dachte sich sein Chef als Incentive immer etwas Schönes aus; etwas, was ihm entgegenkam: Das Spiel. Sie fuhren im Pulk nach Gastein, Rentrop vornedran. An der österreichischen Grenze konnten sie voll aufdrehen, schließlich war die Strecke ab Salzburg Süd inzwischen ihre Privatstraße. Sie checkten ein, tranken ein paar Bier, dann ging es ins Casino. Jeder bekam 10 Millionen. Das Spiel war virtuell, das Geld echt. Der Casinorechner brütete ein Szenario aus und simulierte den Spielverlauf. Mal war es der Bankrott Russlands, mal ein Terroranschlag auf die USA, dann eine indische Pandemie. Alle wirtschaftlichen Faktoren mussten berücksichtigt werden, um den maximalen Profit aus der Krise zu ziehen. Man musste verdammt schnell sein; und die sechs Stunden, die das Spiel dauerte, waren schnell, hart und fordernd. Aber das Spiel absorbierte Rentrop. 

Sie spielten in zwei Teams, Team Morgenstern und Team Baseball. Wer gewann, musste abends die Feier schmeißen – so war sichergestellt, dass alle eine Woche lang richtig die Sau rauslassen konnten. Er hatte seinem "Team Morgenstern" noch Schlüsselanhänger für die Zimmer machen lassen, Birnen mit stilisierten Zacken, groß, martialisch, aus echtem Stahl. Und dann hatte er verloren, weil ein dusseliger Kellern ihm Champagner in die Tastatur gekippt hatte. 

Langsam bekam Rentrop seinen Körper wieder unter Kontrolle. Er drehte sich auf den Rücken, hob den Kopf und sah sich um. Sein Zimmer sah aus wie immer. Rentrop stützte sich auf und torkelte ins Bad. Nach einer Dusche und einer aufpeppenden Spritze fühlte er sich fast wieder hergestellt. Der Schmerz versiegte. Rentrop zog ein frisches Hemd, einen leichten Sommeranzug und neue Schuhe an. Als er den Zimmerschlüssel aufnahm, fiel ihm das Büschel blutiger Haare auf, die an seinem Morgenstern klebten. Auch etwas weiches Weißes sulzte noch daran. Er nahm ein Taschentuch, wischte den Schlüsselhänger blank und schmiss das Tuch in den Mülleimer. 

Noch drei Stunden, dann ging es los mit der nächsten Runde. Bevor er ins Casino kam, wollte er sich richtig Stimmung bringen. Er musste Ming sprechen, was sie auf dem Plan hatte. Ob die Kleine von gestern noch da war? Heute Abend würde „er’s so richtig krachen lassen“. Rentrop wollte gewinnen. Wie immer.

 

Creative Commons Lizenzvertrag
Das Spiel von Anatol Locker steht unter einer Creative Commons Namensnennung-Nicht-kommerziell-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland Lizenz.
Über diese Lizenz hinausgehende Erlaubnisse können Sie unter http://www.anatollocker.de erhalten.



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