1964

Süter musste überstürzt packen, und er hasste das. "Herr Doktor Mühlbauer ist erkrankt. Sie müssen in die Schweiz und ihn auf dem Aussendiensttreisen vertreten", hatte der Chef gesagt und ihn mit seinen Basedow-Augen angeglotzt, "Der Zug geht in zwei Stunden" Süter warf Anzüge, Hemden, Binder, Schuhe, Gamaschen, Unterwäsche und Necessaire in den Ko er. Er war immer noch empört: Ihn als Entwicklungsleiter zu schicken, wo’s ein normaler Sekretär auch täte. Aber die Aussicht, ein paar Tage an die frische Lu zu kommen, versöhnte ihn mit dem hektischen Aufbruch. Natürlich hatte er etwas vergessen, nämlich seine Reiselektüre. Süter langweilte sich von Frankfurt bis Konstanz. Dort hatte er eine Stunde Zeit. Er widerstand der Versuchung, sich ein Transistorradio zu kaufen. Vermutlich gab es in diesen Bergtälern ohnehin keinen vernün igen Mittelwellen-Empfang und auf Peter-Alexander-Schlager im UKW hatte er keine Lust. Stattdessen besuchte er ein Antiquariat. Süter gri wahllos ein paar Bücher heraus, die er in Frankfurt vermutlich hätte liegen lassen. Als der Zug die ersten Bergketten passierte, el es ihm immer schwerer, sich auf die Zeilen zu konzentrieren. Erstens blendete die tief stehende Sonne, zweitens zeigte sich die Landscha von ihrer schönsten Seite. Er gab auf. Er klappte den Hans-Dominik-Roman zu. Sein Gegenüber, ein distinguierter Herr mit altmodischer Brille, lächelte ihn an. „Ich sehe, sie interessieren sich für utopische Erzählungen?“ Oh ja, das tat er. Schon bald waren die beiden völlig ins Gespräch vertie . Pensionär Dr. Wul , wie er sich vorgestellt hatte, reiste in die Sommerfrische. Die Zukunftsromane von Dominik hatten ihn als Kind fasziniert, „ich möchte fast sagen, dass ich deshalb Ingenieur geworden bin. Technik und wie man sie zum Wohne der Menschheit einsetzt hat mich schon immer fasziniert“. Süter versuchte den au eimenden Gedanken zu ignorieren, dass Wul vermutlich in Peenemünde „zum Wohle der Menschheit“ hätte entwickeln können, aber da war der schon einen Gedanken weiter: „In Sachen Technik ist die Schweiz auch nicht von schlechten Eltern. Denken Sie doch mal, so ein Projekt wie der Tunnel durch den Großen St. Bernhard. Eine Alpentraversierung in nur sechs Minuten! Das ist doch ein epochemachendes Ereignis für ganz Europa!“
Hier war Süter einer Meinung. „Stellen Sie sich vor, was das für die Bewohner dieser Täler bringt“, nahm er den Faden auf. „Das ist doch die Anbindung an die moderne Welt. In 50 Jahren könnte hier jeder ein Automobil haben“. Er merkte, wie er ins Schwärmen geriet. „Nicht, dass jeder Bürger eines bräuchte, aber allein die Möglichkeit, schnell und bequem in den Süden zu reisen! Das wäre doch prachtvoll.“ Wie auf Bestellung gab die Strecke den Blick auf eine Straße frei, auf der ein Enzmann 500-Coupe hinter einem Goggomobil festhing, das sich die Steigung hinauf quälte. Die Herren mussten lachten. „Naja, vielleicht nicht sofort. Aber denken Sie, was im Jahr 2000 alles möglich sein wird! Wir hatten es in den letzten Jahren ja wahrlich nicht leicht... aber nun kommt der Fortschritt.“ Wul sah das skeptischer: „Da haben Sie recht. Aber denken Sie, dass das hier“ und er deutete mit einer Geste auf die Landscha , die im Fenster vorüberzog „vom technischen Fortschritt pro tieren wird?“ Er dämp e seine Stimme, obwohl sie nur zu zweit im Abteil waren. „Ausser ein wenig Landwirtscha und Kurgästen passiert in diesen Schweizer Tälern doch nichts von Bedeutung. Hier gibt es doch nichts, was für die Wirtscha interessant wäre. Keine Firma würde sich hier ansiedeln. Alles viel zu schlecht erschlossen. Wasser, Berge, Lu ... daraus lässt sich doch nichts scha en.“ In diesem Punkt waren sich die Herren einig: Die Zukun würde den Städten gehören. Das Gespräch begann zu mäandern. Vom ema der Städte kamen sie aufs Polytechnikum in Zürich, die Neugründung der Sti ung Warentest, den Porsche 911, die Philips Compact Cassette... und dann waren sie schon in Chur. Sie stiegen aus, lächelten, schüttelten sich zum Abschied die Hand. Wul wünschte Süter gute Geschä e. Dann wandten sie sich und gingen ihrer Wege. Ein paar Minuten schwang das Gespräch in Süter nach. In 50 Jahren schriebe man das Jahr 2014. Er wäre 83 Jahre. „Wie es hier dann wohl aussehen wird?“, fragte er sich. Unvorstellbar. Dann verscheuchte er den Gedanken wie eine lästige Fliege und machte sich auf die Suche nach dem Chau eur, der ihn nach Acquarossa bringen sollte.

 

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