Am Seil

Es ist eine Zukunft angebrochen. Heute schon. Aber heute klingt sie noch merkwürdig, fast so, als könnte man sie als Frottage aus einem Buch auf beliebig viele Geschichten prägen.

Reto der Projektor

An diesem Morgen liegt Nebel über dem Tal. das ist für Reto eine Katastrophe. Der ganze Tag und die ganze Nacht könnten ein ziemliches Minusgeschäft für ihn werden. So sieht keiner seine Arbeit, so wird das nichts. Reto ist Projektor, der einzige im Tal, er bespielt alle Flächen, die die Gemeinde ausgeschrieben hat. Er hat sich sein Geschäft gesichert. Weil er früh dran war damit, als man noch mit extra starken Beamern auf die Nordwand projizierte.


Das waren noch Zeiten, billig und einfach war das alles. Ein Schriftzug wie „Trink FRISCH“ von 23:00 Uhr bis 3:00 Uhr brachte alleine schon ordentlich Umsatz. Damals war das vor allem ein Business aus den alten Zeiten. Eines, das auch mit den Touristen im Tal zu tun hatte. Heute ist das alles anders, es gibt keine Touristen mehr im Tal, es gibt nur noch die Einwohner. Flüchtlinge mit eingerechnet. Man kommt immerhin gut durch mit Werbungen, denn auch die sind ein Markt. Man hat für alle Essen, Wohnung, Wasser und genügend Energie. Die, die überlebt haben und sich neu einrichten. Die sind jetzt die Zielgruppen. Werbung für Hinterbliebene. Jede Nacht lässt Reto jetzt neue Slogans aufleuchten.

"Heute ein Flachländer"

"Ertön - Spült weich wie ein Laubwald an der Flussmündung."

"Seilbahn - Freiheit im Fahren"

"Donauschleife, so süss und Schoko"

Solche hirnlosen Slogans haben aber Verkaufserfolg, es sind die einfachen Sätze. Weil sie ein wenig davon zurückbringen, was jeder verloren hat. Sie erinnern an eine Kindheit in Städten. An das, was man sich noch davon erzählt. Die Dauerberieselung hat Methode und generiert wieder Märkte, die man so dringend braucht. Aber heute ist Nebel, das ist nicht gut für das Geschäft. Reto hat seit drei Wochen die neue Technik im Einsatz. "Projektor" kann auch ganze Tagesprojektionen leisten. In 3D. Städte oder das Meer projiziert er auf die grünen Matten damit. Weiter oben und weg vom immer wieder gefluteten Tal. Für die schon wieder Reichen, dort ist das neue Geld. Und von dort muss es sich rentieren, denn Projektion ist nicht billig. So aber sehen sie, wenn sie aus ihren Höhlenbungalows auf 2100 Metern Höhe schauen, wieder das Meer vor sich branden. Oder Wien. Mit dem Praterrad. Und Autos fahren auf den Strassen. Wie früher. Und dann laufen sie sich in ihr altes Leben zurück, duschen mit diesem widerlichen Gel und glauben, sie das Meer schon riechen können. Oder sie fressen sich mit Ersatzschokolade voll und hören Walzer dazu.

Sogar eine Soundkulisse kann Reto auf Anfrage liefern. und verschiedene Jahreszeiten. Auch Wetter. nur hineingehen kann man in die Gebilde nicht. Aber: heute ist Nebel, die Show fällt aus. Das ist nicht gut für das Geschäft. Reto wird eine Sondergenehmigung brauchen und die Nachtprojektion wieder anwerfen müssen, um die Verluste durch das Wetter wieder auszugleichen.

Die Lieferdrohnen schwirren ihm manchmal durch das Bild, machen Dinge, die sie nicht machen sollten. Denn sie tauchen einfach im Stephansdom ein und verschwinden dann um die Ecke. Oder sie donnern durch das Riesenrad im Prater, ohne auch nur Schaden anzurichten. Kein Krach und keine herunterfallenden Teile. Es ist zum Verzweifeln für Reto. Aber was soll er machen? Er kann ja schlecht den Lieferverkehr verbieten. Nur so kommen die Lebensmittel an die Wohnungen der Mittelreichen und die Seilbahnen der oberen Zehntausend. Es gibt keine Strassen mehr.



Alles schwebt durch die Luft. Alles findet so viel besser seinen Weg.

Winterschlaf als Strafe

In den riesigen Kavernen aus den Weltkriegen 1, 2 und 3 haben nicht nur die Produktionsfelder der speziellen Sojazüchtungen Platz, die man auch im Dunklen halten kann. Sie dienen auch als Zellen für den Zwangswinterschlaf, der jetzt für alle Bürger der Stufen I bis IV eingeführt wurde.
Nur Wachpersonal und die Staatsführung bleibt in den Monaten Dezember bis März wach, sorgt für die unterbruchslose Funktion der Systeme und dafür, dass danach alle wieder geweckt werden. Fast alle. Die zum Tode durch Schlaf Verurteilten bleiben liegen, bis sie sterben. Das spart Ressourcen, so reichen die Nahrungsmittel nun wieder, der Energiehaushalt für Schläfer liegt weit unter dem für Hungernde in den Strassen. Proteste vor allem von Seiten der katholischen Kirche waren immens. Und die Spielzeugindustrie sah ihr Weihnachtsgeschäft einbrechen. Aber der heilige Abend findet jetzt im November statt, vor dem grossen Schlaf, er leitet ihn ein. So sind alle zufrieden. Niemand wehrt sich gegen den Verlust der halben Lebenszeit. Man schläft ja nur. Eine Droge im Käse, das ganze Jahr über zugeführt, lässt den Schlaf automatisch eintreten. Das ist gut so. Niemand wird vor eine Wahl gestellt, seiner Familie die Dosis zu verabreichen. Oder sich selbst. Das passiert im Laufe des Jahres und reichert sich an. Man erreicht im Winter gerade noch die Schlafstellen. Oder man erfriert auf dem Weg dort hin. Wer trotzdem beim ersten Schneefall auf einem der Talwege zu sehen ist oder sonst noch entdeckt werden kann, wird zwangseingeschläfert und wacht dann vermutlich zu spät wieder auf. Damit ist nicht zu spassen.

Strafregister für Alpenbewohner

Talschaft

  • Mundraub: Ausschaltung Flachland
  • Körperverletzung untereinander: Entzug Wasserrecht 2-x Tage
  • Körperverletzung Dienstleister: Arbeit in den Plantangenstollen
  • Körperverletzung Gipfelklasse: Winterschlaf des Todes
  • Aufruhr: Winterschlaf des Todes

Dienstleister Berg

  • Diebstahl: Arbeit in Plantagenstollen
  • Körperverletzung Talschaft: Verwarnung
  • Körperverletzung Gipfelklasse: Winterschlaf des Todes
  • Aufruhr: Degradierung Talschaft

Gipfelklasse

  • Körperverletzung Niedere: Gespräch
  • Körperverletzung untereinander: Degradierung Talschaft
  • Unterschlagung: Entzug der Seilbahnlizenz

Wie es sich als Gipfelklasse lebt

Die oberen Zehntausend entgkommen den kontaminierten Tälern auf eine sehr elegante und einfache Weise. Sie haben nicht mehr Kontakt mit dem Boden, der eben doch auch hier inzwischen nicht mehr ungefährlich ist. Man kann in den Kavernen Lebensmittel züchten und die Schadstoffe daraaus entfernt halten. Man kann dieses Essen mit Drohnen liefern. Aber leben müssen die Menschen doch in den Tälern. Wenn sie nicht zu den Reichen gehören. Denn dort hat man eine andere Methode gefunden, um der Vergiftung zu entgehen. Man lebt in Seilbahnen.
Man ist immer unterwegs. Zwischen den Gipfeln. In den Kabinen, die sogar Windstärken um die 12 abfedern. Zweistöckig, bis zu 10 Zimmer gross und 50 Seillängen pro Stunde schnell. Ab und zu bleiben zwei nebeneinander stehen, oder eine Gruppenbahn kommt vorbei, für ein Fest. Aber ansonsten schweben die Familien durch den Tag. Von Gipfel zu Gipfel. Je weniger Kontakt man mit den Umlenkungsstationen hat, desto besser. Auf den kontaminierten Boden wird man keinen einzigen Fussabdruck mehr setzen, die Gipfelstationen sind nur dazu da, Die nächste Trasse zu erreichen.





Wenn die Flut kommt im Tal

Immer wieder trifft es die Armen in den Tälern. Der Südwind treibt das wieder gestiegene Wasser des Meeres über den Gardasee hinweg und die anderen Südeinschnitte. Die Salzwasserwiesen kurz vor Locarno werden wieder nur für die Schafe nutzbar sein. Bianca ist Landungen, alle in den Erdgeschossen werden wieder ihr Hab und Gut verlieren. Aber die Wachen lassen die Armen Teufen nicht über die Pässe. Es gilt: jeder bleibt, wo er am 31.12.2064 war.
Nur die Reichen haben Ausnahmegenehmigungen. Ihre Seilbahnen sind neueren Datums.

Religiöse auf der Alp

Ein Hochtal haben sie frei gehalten. Für die Messen, wie sie es nennen. Dreissig Kirchen, wie sie es nennen, dürfen an den Frühlings- und Sommer-Sonntagen im Jahr dort oben ihre Riten zelebrieren. Verboten sind allerdings Steinigungen, Blutopfer oder das Verbrennen von Lästerern. Ansonsten sind vor allem die Church of Flagelants und die Zungenschlucker durchaus frei in der Art, wie sie das Erhabene anbeten.
Sie dürfen auch nicht gegeneinander agieren. Und schon alleine, um das zu verhindern, bleibt der Sonntag für je eine der Kirchen exklusiv. Sollte eine andere stören, sollte sie von den ausgezeichneten Wegen wegtreten und frei in die Matten wandern, sollte sie heilige Schriften an den Felsen hinterlassen, verliert sie in Folgejahr ihren Sonntag. Keine der Kirchen hat das bisher eingehen wollen. Was aber genau dort oben geschieht, das wissen nur die Kirchen selbst. Und sie werden sich hüten, es den anderen zu erzählen. Schon so ist das Leben schwierig geworden. Alle wissen, dass sie sterben werden, wenn sie noch lange auf dem vergifteten Boden herumleben. Aber sie kommen nicht in die Seilbahnen, die sind zu gut bewacht.

Skiferien für Narzisten

Es gibt sie noch, die Skiferien. In Zermatt, ganz nah am Kleinen Matterhorn. Aber nur für die wenigen. Natürlich. Ein gewisser Aufwand an finanziellen Mitteln ist dazu notwendig. Sicher. Aber dafür ist die Abfahrt exklusiv und zusammen mit den angestellten Claqueuren ein Spass. Zwei Wochen am Stück ist das bedenkenlos. Für die Gäste, die Claqueure verdienen sich ein gefährliches Brot.
Diskret aber sehr angenehm jubelt es einem bei jedem gelungenen Schwung zu, Selbst ein Stemmbogen ruft Bewunderung hervor. Der Jubel kennt keine Grenzen, wenn an der kleinen Schanze vor der Talstation auf 2800 Metern noch ein kleiner "Jucker" gewagt wird. Danach geht es zum Skiing Lunch in die Austernbar. Die Meerestieres kommen frisch von der Küste vor Biasca. Exklusiv. Nur 100 Gäste dürfen jedes Jahr aus ihren Seilbahnen in Zermatt absteigen, aber sie lassen fast die gleichen Budgets zurück wie alle zusammen früher. Und von ihnen können 20 Gastronomen, 546 Pistenabgestellte und diplomierte Jubler leben.

Mama, die Pizza-Drohne ist da

Ein Piepssignal kündigt die Drohne an. Papa hat eine Pizza zur Feier des Tages bestellt, und die Drohne kann heute anfliegen, es herrscht auf 2433 Metern nur wenig Wind.
Luigis Pizza verspricht, die Pizza-Geschmack Beutel in 19 Minuten ab der Bestellung zu liefern, oder es kommt noch eine Salat Tablette gratis dazu. Aber die Drohne fliegt auch sofort weiter, wenn sie nicht innerhalb von 3 Minuten in Empfang genommen wird. Deshalb hastet die Tochter zur Andockschleuse, sie greift ins Leere und fällt kreischend ins Leere. Ein Witz vom Nachbarsjungen. Für sie endet er tödlich. Der Junge wird das mit dem Winterschlaf des Todes bezahlen.

Drugs

Es gibt kaum noch Weintrauben (nur im Wallis keltert man noch auf Hohen Lagen), es gibt keinen Hopfen. Keine Gerste, keinen Weizen. Berauscht werden kann man noch leicht, aber dann nur mit den Bränden diverser Alpenwurzeln. Oder man bekommt eine Lieferung mit Pilzen aus den Stollen. Nicht alle sind für das Essen da. Vergessen wollen alle, die nicht in den Seilbahnen schweben. Das Leben ist auch abseits des Winterschlafes nur in einer müden Mattigkeit zu ertragen.



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Creative Commons Lizenzvertrag
Am Seil von Harald Taglinger steht unter einer Creative Commons Namensnennung-Nicht-kommerziell-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Schweiz Lizenz.
Über diese Lizenz hinausgehende Erlaubnisse können Sie unter http://taglinger.de erhalten.

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