Geh einfach

Weiter oben am Fels sollst Du niemals die roten Punkte aus den Augen lassen. Sie zeigen Dir den einzigen Weg zum Gipfel und über den Grad. Einer ist mit einem Farbeimer hier entlang gelaufen und hat alle zwanzig bis dreissig Meter mit einem dieser roten Punkte eine geistige Linie von Dir weiter hinauf gezogen. Weichst Du davon ab und meinst es besser zu wissen, kannst Du vor einem Abhang oder einer Stelle landen, die nicht ü sein wird.

Aber es ist doch so. Viele Männer mit Farbeimern oder auch nur wenige mit einer hämischen Absicht könnten der Landschaft Orientierungspusteln aufsetzen. Der Felshang strotzt dann vor roten Punkten. Überall scheint es plötzlich richtig weiter zu gehen und nirgends zeigt sich mehr der richtige Weg.

So, wie Du es in Deinen Leben kennst. Du stehst morgens auf und bist sofort in einem Labyrinth aus Optionen gefangen, bei denen Du nicht einmal sagen kannst, dass sich selbst bei erfolgreicher Überwindung auch ein Gipfel finden lassen wird. Oder eine Überquerung. Die Punkte könnten genauso gut auch entfallen. Zu viele von ihnen drängen sich andauernd in Deinen Gesichtskreis. Du würdest gerne auf sie verzichten.



Aber das Gegenteil ist der Fall.

Jeder Punkte drängelt sich in den Vordergrund. Nimm mich, kauf mich, schau auf jeden Fall bei mir vorbei, lass Dir mich auf keinen Fall entgehen. Eine Kakophonie aus Entscheidungspunkten durchkreuzt ständig Deinen Weg und lässt andauernd das ungute Gefühl in Dir aufkommen, ausgerechnet jetzt vorhin den falschen Weg gegangen zu sein oder eben diesen einfachen Weg weiter drüben zu spät zu sehen.

Die Gleichfarbigkeit aller Möglichkeiten macht Dich unsicher. Keine prozentuale Wahrscheinlichkeit steht mitten im Punkt. Keine Angabe zur voraussichtlichen Zeit der Ankunft. Du weisst nicht einmal, ob die beiden Punkte nebeneinander auch zum gleichen Weg gehören könnten. Du errätst Dein Leben nur, und mit ein wenig Glück fügen sich die Punkte wieder zu einem sinnstiftenden Weg zusammen. Aber ganz ehrlich, daran glaubst Du nicht wirklich.

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