Englische Pärke
Warum nicht eine grosse Mauer um die schönsten Täler der Alpen ziehen. So eine, wie sie in Sansouci und Nymphenburg existiert. In Versailles. Und hinter diesen Mauern erstreckt sich vom Brenner bis in die Steiermark, oder vom Mont Blanc bis zum kleinen Sankt Bernhard eine wunderliche Landschaft, in denen sich saftige Wiesen, antik anmutende Tempel, versteckte Wasserspiele und kleine Lustschlösslein zwischen hohen Felsengipfeln schmiegen. Für den Eintritt in diese Wunderwelt bedarf es einer Erlaubnis, oder sagen wir: ich darf mir ein Tagesticket mieten, um durch die Täler voller Pfauen und die Zieralmen in einem Blumenmeer zu lustwandeln. Erfrischungspavilions reichen dazu eine gute Tasse vom Olongtee. Und die Kirschen auf den Bäumen, die Äpfel im Spätsommer laden dazu ein, im Vorübergehen gepflückt zu werden. Von weitem lässt sich Musik erahnen. Hörner. Auch ein Juchzen.

Es ist eine privatwirtschaftliche Initiative. Der verlassene Alpenraum, der nun kaum noch Bevölkerung aufweisen kann, der nach dem Ausbleiben des Schnees und durch die unsichere Wetterlage in den Sommermonaten keinerlei Nutzwert mehr vorweisen kann, sucht zumindest in den Hochtallagen nach einer neuen Verwendung. Deshalb sucht man private Investoren, die eine gewisse finanzielle Potenz aufweisen können und erhebliche Mittel investieren wollen, um aus den verlassenen Landschaften eine künstliche Urwüchsigkeit zu gestalten, die es mit den schönsten ölgemälden aus dem 19. Jahrhundert aufnehmen könnte. Englische Pärke entstehen dank der Unternehmungen, die schon in Dubai Skihallen und in Chinaüberdachte Bambuswälder riesiger Ausmasse ermöglichten. Sie dienen einem exklusiven Naturerlebnis, das mit Preisen ab 1950,- EUR für das Tagesticket ein Stück Himmel dort ermöglicht, wo der Aufenthalt gesichert möglich erscheint. Die Gäste stehen sich nicht Gefahrwn durch plötzlich einsetzenden Starkregen ausgesetzt. und die wieder eingebildeten Wolfshorden sind auf der anderen Seite der Berge zu finden.



An den gebuchten Tagen bringt ein Helikopter morgens die Gäste in die komplett abgeschotteten Hochtäler. Nachts sind Instandsetzungsteams unterwegs, jetzt sieht die Wildnis komplett perfekt aus, kein umgefallener Baum liegt an der falschen Stelle, kein Fluss schwemmt in das falsche Tal. Die Pavillons mit den Erfriscngen stehen bereit. exotische Früchte, Kälte Rinks und leichte Snacks sind immer verfügbar, wenn man ausgestreckt auf einem Kissen den sorgsam ausgesetzten Rehen dabei zuschauen will, wie sie das Hochtal überqueren. Weiter hinter Steh ein römischer Tempel und bildet zusammen mit einer kleinen Brücke über den Tobel ein bukolisches Idyll, das die Schlnheit des Tales vor den Augen der Betrachter ausbreitet. Auf Wunsch sind alle Aufenthaltsorte, die man jederzeit mit einer unterirdischen Bahn erreichen kann auch exklusiv zu mieten. Das geht dann allerdings auch in den hohen sechsstelligen Bereich für einen Tag. Allerdings - natürlich lawinensicher, selbst in den Hochalpengebieten - offenbart sich dann eine Ruhe zwischen den sorgsam angelegten Wildbachwasserspielen und den fast belassenen Bergdörfern, wie man sie nirgends mehr sonst in Europa finden kann. Auf Wunsch lassen sich sogar alle Netze unterdrücken und. Anrufe unterbinden. Die zeitlich genau festgelegten Zeiten der Einsamkeit sind sehr begehrt. Finanzunternehmen gönnen sich gerne in den ehemaligen Frühlingstagen, wenn die Sturmgefahr vor allem hier gering ist, gerne ein Wochenende und spannen aus.

Die Pärke sind ähnlich zu japanischen Gärten in perfekter Perspektive angelegt und strahlen eine innere Harmonie aus. Klug wechseln sich Weiden, Blatt- oder Nadelholzwälder mit findlinggleuch in der Landschaft stehenden Dekorfelsen ab. Die weitestgehend belassenen Gipfelsillouetten schliessen die einzelne zu buchenden Täler gut ab und halten den Lärm und die Zerstörung von den noch in Nutzung befindlichen Gebieten an. Dort mag alles mögliche gewonnen, abgebaut und endlagert werden ( vor allem letzteres ), aber das lässt sich hier auf der Seite der Pärke nicht einmal erahnen. Vogelstimmen kommen aus der Schallanlage. Auf Wunsch auch Musik von wahlweise Alpenhörnern, klassischen Komponisten oder aktuellen Charthits. Aber die meisten Beaucher wünschen sich nur die eingespielten Naturgeräusche. Wenn dann mit einer Traubenrebe in der Hand der Beaucher auf einem Kissen liegt, weiter hinten und umgeben vom Gezwitscher und dem Gemurmel eines neu angelegten Bergbaches das erste Rotwild zur Tränke aus den dicht gehaltenen Wäldern kommt, würde niemand vermuten, dass vieles aus dieser Kulisse jährlich neu angelegt und optimiert wird, mit Sensoren dicht bestückt seine Einsatzfähigkeit anzeigt und bei Ausfall ein Signal in das Kontrollzenteum schickt. Das alles wird ein Gast nicht mitbekommen. So wie die mehr als 4000 Gärtner auf Hoovern im Einsatz, die nachts zugange sind.

Alpenhörnern sind ein hervorragendes Geschäft geworden, sie werfen schon nach dem dritten Jahr Profit ab. so einträglich sind sie, dass das damit erfolgreiche Unternehmen inzwischen auch einen Tag des offenen Tals unternimmt, an dem die früheren Bewohner ihre eigenen Stammtäler wiedersehen können. Kostenlos natürlich. Was sonst hinter geschützten Mauern unzugänglich bleiben muss, kann dann auch solchen Besuchern geöffnet werden, die sich die Eintrittsgebühr nicht einmal für die Gruppentage leisten können. Die meisten, die dann die Täler besuchen, verwenden den Tag, um den Gräbern der Familie die Ehre zu erweisen, sollten diese noch nicht planiert oder unter neu gestalteten Ruinen verschwunden sein.



 

Creative Commons Lizenzvertrag
Englische Pärke von Harald Taglinger steht unter einer Creative Commons Namensnennung-Nicht-kommerziell-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Schweiz Lizenz.
Über diese Lizenz hinausgehende Erlaubnisse können Sie unter http://taglinger.de erhalten.



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