Über den Winter

Es schneit ununterbrochen, seit zwei Tagen kommen eigentlich keine neuen übernachtungsgäste mehr aus dem Tal herauf. Ich verbringe meine Stunden zwischen dem morgendlichen Kaffee und dem abendlichen Gulasch lethargisch in meiner Koje. Nummer 99, Halbpension. Die Hütte befindet sich abgelegen in einen Hochtal des Seitentals. Abseits von allem, nur von den Bergsteigern frequentiert. Denn von hier aus geht es nur im Felsen weiter. Sie ist nur nach fünf Stunden Fužmarsch zu erreichen, aber verfügt immerhin über Strom. Und eine Materialseilbahn, die einmal in der Woche frisches Gemüse, Fleisch und Beilagen nach oben schafft.

Der Empfang von Radio und Fernsehen ist hier nicht möglich. Eigentlich eine Wohltat. Nach ein paar Tagen will ich die Nachrichtenlage nicht mehr abrufen. Eigentlich kann ich mich auch nicht mehr an irgendwelche Nachrichten erinnern. Nur die Hauptgeschichten. Aber was hatte sich da schon entwickelt, das jetzt wichtig sein könnte.

Seit Tagen kein Anruf. Aber wie auch. Weder Handies, nicht einmal ein Hüttentelefon, hier gibt es keinen Anschluss und keinen Empfang. Die Welt ist vollkommen draužen geblieben. Tief hängende Wolken tun ihr übriges. Nicht einmal die umliegenden Gipfel sind zu erkennen. Die Hütte wird zur Insel. Noch habe ich ein paar Tage hier oben, die Sonne wird schon wieder kommen. Warum jetzt auch bei diesem Wetter absteigen.

Seit vorgestern spreche ich vermehrt mit dem Hüttenwirt. Ein netter Kerl, lacht vermutlich viel. Man kann sich gut mit ihm unterhalten. An anderen Tagen würde er sehr viele Witze erzählen, aber seit gestern scheint ihm das vergangen zu sein.

Gestern kam noch eine Materialseilbahn an. Leer. Bis auf einen mit einem Stein beschwerten Zettel darin. Der Hüttenwirt hat ein wenig gezögert, hat ihn mir aber trotzdem gezeigt. Vermutlich ein Scherz.

"Wegbleiben!"

Mehr nicht. Nur dieser Ausruf. Ich habe den Zettel genauer angeschaut. Wegbleiben. Das muss ein Witz sein. Ein schlechter, meint er. Aber die Schrift ist hektisch und fast unleserlich. Er glaubt, da stimmt vielleicht auch etwas nicht. Ich weiž es nicht.

Wir sind alleine hier oben. Es gibt morgens Brot mit Käse, und abends gibt es Gulasch. Wenn nicht bald neue Gäste kommen, dann haben wir noch für Wochen davon. Gestern Nacht hat es zu schneien begonnen. Selbst wenn wir wollten, könnte jetzt keiner von uns beiden absteigen.

Aber wir sollen ja weg bleiben. Wohin sollen wir uns retten? Und wenn das alles nur ein Witz ist? Wer macht den solche niveaulosen Scherze.

Ich liege auf meinem Schlafsack und fröstele leicht. Der Wirt hat die Heizung herunter gefahren. Ein wenig Diesel für den Generator zu sparen, das kann jetzt nicht schaden, sagt er. Stundenweise sehe ich ihn nicht, ab und an schauen wir beide in die Gaststube, dort brennt nur noch eine Glühbirne. Ob es mir etwas ausmache, abends kalt zu essen. Wir verstehen uns schon, müssen nicht viel reden, es war ganz sicher ein Witz. Ein schlechter.

Nur ein Zettel.

Ich liege da und versuche mich an die Nachrichten von vor einer Woche zu erinnern. Ist etwas vorgefallen? Etwas, das man schon dann hätte kommen sehen können. Etwas Unheilvolles. Ich kann mich nicht entsinnen, dass im Lärm der Breaking News und Hintergrundberichte wirkliches Unheil aufgezogen wäre. Und wenn dieser Zettel ernst gemeint in der Bahn landete, dann muss das ja nichts mit der Welt aužerhalb des Tals zu tun haben. Weiter oben gibt es eine Staumauer. Aber alles Wasser dort würde uns nicht erreichen. Krankheit? Gift? Wo ist das nächste Atomkraftwerk? Das ist doch alles Blödsinn und kommt daher wie ein japanischer Katastrophenfilm mit Urzeitmonster und eingedrückten Plastikhäusern. Das ist ein dummes Klischee und ein halbgarer Cineastentraum. Vielleicht ist es doch ein Witz. Wer will hier schon aufsteigen, wenn der Schnee schuhhoch zu liegen kommt und der Nebel die Sicht nimmt. Warum hat der Hüttenwirt eigentlich kein Funkgerät? Der kann das Tal doch sicher irgendwie erreichen. Wie lange reicht das Brot hier noch? Wann muss ich ins Tal, Gefahr hin oder her? So liege ich hier, seit Stunden und denke. Das ist nicht gut.

Ich schaue aus dem Fenster und kann eine Menge an Tritten im Schnee sehen. Zwischen der Küche und dem Lagerschuppen neben der Wäscheleine. Eine Menge Aktivität für uns zwei. Vielleicht kommen ja gerade Gäste, und da gibt es plötzlich viel vorzubereiten. Oder trägt er ungenutzte Dosen und haltbare Lebensmittel dirt hinaus? Oder schafft er Lebensmittel beiseite? Auf was bereitet er sich vor? Hat er doch das Tal angefunkt? Womit?

Sicher kümmert er sich um uns, hat sich etwas für einen längeren Aufenthalt ausgedacht. Mehr als eine Woche kann der Schnee doch um diese Jahreszeit gar nicht liegen. Eingeschlossen? Zusammen kriegen wir das sicher hin, hier sind wir alleine doch aufgeschmissen. Ich weiž nicht einmal, wie der Dieselgenerator angeht. Hinter dem Fenster gelehnt beobachte ich den Vorplatz und sehe ihn wieder mit einer kurzen Jagdflinte zurück in die Küche hasten. Er wird vielleicht eine Gemse jagen gehen. Ein Hüttenwirt weiž sich zu helfen. Die Waffe war mir neu, aber so können wir das Gulasch strecken.

Wenn nur der Schnee aufhören würde. Es ist doch erst Juli.

Er spricht seit ein paar Stunden nicht mehr wirklich mit mir. Ich glaube, dass er eine Funkstation hat. Der sagt mir etwas nicht. Der weiž mehr. Der will mich hier vielleicht nicht mehr lange. Ich habe mein Messer neben mich auf den Stubentisch gelegt. Leicht mache ich es dem nicht.

Das muss alles ein Witz sein. So endet die Welt nicht.

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Über den Winter von Harald Taglinger steht unter einer Creative Commons Namensnennung-Nicht-kommerziell-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Schweiz Lizenz.
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