Alp in Erschmatt, Einleitung

Ich fahre mit dem Wagen die enge Strasse zum Dorf hinauf, sie ist mir Nabelschnur. Beim Gang durch die engen Gassen atme ich das Holz alter Häuser und begreife, dass ich jetzt in einer anderen Welt sein kann. Diese Welt steht still. Auf dem Spielplatz unter meinem Fenster versucht ein Vater seinen Sohn über ein bergförmiges Trapez zu heben.
Ich fahre mit dem Wagen die enge Strasse zum Dorf hinauf, sie ist mir Nabelschnur. Beim Gang durch die engen Gassen atme ich das Holz alter Häuser und begreife, dass ich jetzt in einer anderen Welt sein kann. Diese Welt steht still. Auf dem Spielplatz unter meinem Fenster versucht ein Vater seinen Sohn über ein bergförmiges Trapez zu heben. Der Sohn weint, er will nicht. Sonst ist alles ruhig. Mein Laptop startet auf, sein Betriebssystem sortiert Daten, das dauert zehn Minuten. Ich schaue währenddessen auf die Berge gegenüber, verstehe, dass das Wasser über Jahrtausende Fels abgetragen und ihn als Schlamm und Geröll in den darunter liegenden Wald geschwemmt hat. Darüber ziehen Wolken in einer Geschwindigkeit, die sich nicht messen lassen muss. Ihr Anblick ist weich. Sie versöhnen den Himmel mit den Bergen darunter. Jetzt blicke ich auf etwas, das viel länger sein wird, als der Gedanke daran. Jetzt kann ich jahrtausendelang auf die Wolken über mir schauen. Nachdem wir im Dorf angekommen waren, sassen wir an einer Fensterbank, und schauten bei Wein und Kirschen in das Tal. Weitere eintausend Jahre. Nichts hätte uns jetzt noch im Ernst das Telefon in die Hand nehmen lassen. Wen anrufen? Hier. Jeden Morgen geht einer in den Holzschuppen seiner Wohnung, dort findet er ein Stück Föhre. Dann nimmt er ein Messer und schneidet überzähliges Holz weg. Es zeigt sich ein Dämon. Der fletscht die Zähne. Er schaut ihm ähnlicher als der eine das haben will. Jeden Morgen geht einer in den Schuppen, und nimmt sich vor, den Albtraum seiner vergangenen Nacht in einem Stück Holz zu hinterlassen, aber heraus kommt er selbst. Als wir an der Strasse entlang liefen, erreichte mich der Duft von Holunder. Meine Kindheit. Der alte Holunderbaum neben der Auffahrt. Damals hat es keine Stadt gegeben. Es duftete, so wie auch in diesem Moment. Und die Berge zeigten nun die Abendsonne. Eine Glocke läutete, und mir wurde das alles zu viel. Wut, schwarz wie Holunder, stieg in mir auf. Es ist die Langsamkeit, gegen die man nicht ankommt. Schon gar nicht in eigener Hektik. Es ist die Langsamkeit, die viel länger dauert als man selbst. Ein Berg gegenüber zeigt ein unendlich langes Rinnsal, das vom Gipfel bis zum Wald hinab über ewige Zeiten Spuren hinterlassen hat. Nochmals eintausend Jahre. Es ist die Langsamkeit, die uns klein macht. Wenn einer im Schuppen einen Dämon niedergeschnitzt hat, dann geht er kopfschüttelnd hinaus und betrinkt sich. Er verzweifelt daran, dass er nur sieht und schnitzt, aber nie ändert. Nicht in seinem Leben. Und währenddessen türmen sich die Wolken über ihm neu auf, formieren sich und schmeicheln sich über den Berg.

 

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Alp in Erschmatt, Einleitung von Harald Taglinger steht unter einer Creative Commons Namensnennung-Nicht-kommerziell-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Schweiz Lizenz.
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