Stille

Eine Stunde dauert es und ich verstehe. Es ist so still hier. Zuerst war da noch ein Gesprächsfetzen aus der Hütte und das Klopfen aus der Küche. Das verlor sich nach dem Aufbruch. Dann das Knirschen unter meinen Schuhen, das die Entfernung von den anderen akustisch auffängt. Der Anweg über den Schotter hin zum Anstieg. Mein keuchender Atem bei zunehmender Steigung, das Pochen des Herzschlags und immer wieder die gleichen vier Takte eines Popsongs, der mir nicht aus dem Kopf will.

Aber jetzt. Das Plateau.

Der Bergsee stellt mir ein tiefes Türkis entgegen, an den Gipfeln rings herum bewegt sich nicht eine Dole, Geršll, erstarrt und nun langsam am Erodieren. Selbst der Wind fällt in sich zusammen. Diese Stille.

Und ich stehe da und verliere mich.

Nicht dass ich in die Stille fallen würde, Stille hat keine Tiefe. Sie ist einfach da, sie umklebt mich, ich dringe nicht durch sie hindurch, zu einem Geräusch hin. Stille hat eine unsichtbare Farbe, mit der sie mich ummalt. Wehrlos stehe ich da und bin auf mich zurück geworfen. Noch im Tal hatte ich das Gefühl, mitten in einer Landschaft zu laufen. Der murmelnde Bach, es zwitschert und rauscht, und ich laufe mitten darin.

Aber jetzt ist eine Zwischenwand eingezogen. Unsichtbar und undurchdringlich. So dass der Berggrad vor mir zu einer Bühnendekoration verkommt und das Proszenium des Bergsees nicht mehr zu mir her reicht.

Alleine bin ich, nur mit mir. Stillgelegt.

Es beginnt zu schreien. In mir. Das Echo der vergangenen Woche. Ich muss doch, ich sollte doch, der eine Tag, der nur Chaos hinterlassen hat. Die Fahrt, viel zu schnell über den Pass. Immer wieder dieser eine dumme Satz, der mir vor den Einschlafen noch heraus gerutscht ist. Entschuldigt habe ich mich dafür nicht. Warum denn kein SMS ankommt, sie wollte sich doch melden. Das Herumgebrülle meines Lebens. Das, was ich immer noch tun wollte, das was ich noch tun muss.

Und kein Geräusch. Ein Windhauch wäre doch schon genug. Ein Stoppzeichen. Ein Halt.

Was für ein ärger in mir. Ruhe will ich finden, und jetzt schreie ich mich innerlich an. Das bin ich nicht. Das ist etwas, das nie aufhšren kann, in mir. Ich laufe schneller. Ich will es abschütteln, zumindest für einen kurzen Moment der Stille. Der Druck, den die Stille au§en osmotisch nach innen erzeugen soll, entsteht nicht. Aber hinunter ins Tal werde ich es nicht nehmen.

Ich stelle mich an den See und lasse es so laut es nur geht aus mir: dass es mit leid tut, dass ich es doch nicht so gemeint habe und dass ich das Projekt X und das Projekt Y schon noch bis zum Ende des Monats hinbringen werde. Ehrlich.

Kein Echo. Meine Wšrter fallen keine drei Meter vor mir auf den Boden und liegen dort unsichtbar.

Mit schnellem Schritt schreite ich vom See auf den zweiten Anstieg zu. Das Pochen, das Keuchen meiner Atemzüge bei jeder Steigung, der Popsong. Der Gipfel ist gut, denn er lässt mich umkehren. Wieder wegrennen. Ich habe Grieg und Madonna auf dem Smartphone für die Pause. Es muss nur laut sein.

Ich schaue nach hinten. Nur kurz. Der Bergsee. So klar. Ich hasse ihn.

Der Text ist einen Gegenstück zu Stille von Anatol Locker.

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