sue und lätitia
Bezieht sich auf digiflyer

der flatscreen im speisesaal sprach klartext: wieder mal hatte sie die tiefsten werte. dass dieser irrsinn selbst in den alpkults sein musste, gab sue den rest.

rund zwanzig gestalten sassen tranig vor ihrem frühstückskonzentrat. sah so die zukunft mit ihrem gemeinsamen kind aus? wieso hatten sie unter all den kults ausgerechnet das von ekosens gewählt?

lätitia hatte sie überstimmt. aber sue war klar, dass sie ja gesagt hatte. die wahl fiel schwer. es hätte noch so viele spirituell-idealistische gruppierungen gegeben, welche die entvölkerten alpenräume belebten. hier oben war das leben einfach, hart aber sinnvoll. und es hatte wasser. aber der strahlende regen schlierte jetzt schon den vierten tag über die fenster des gemeinschaftshauses, in dem alle interessenten auf ihre einführung warteten.

sie hasste ihre mit dem monitor verbundene lebensuhr, trotzdem war der blick darauf zur gewohnheit geworden.

"im prospekt stand, dass wir diese dinger hier loswerden können - und wieder wissen alle bescheid über meinen euphorica-index," zischte sie lätitia an.

lätitia schaute vom digiflugblatt auf, das sie bei einer tasse kaffee studiert hatte. «guten morgen schatz, gut geschlafen? der monitor würde verglühen, wenn dir alle so in die augen schauen könnten wie ich!» sue schmolz. es war einfach wieder mal unglaublich, wie schnell ihre partnerin es schaffte, eine situation zu drehen. ohne jede absicht, einfach weil sie so war, so fühlte. sue wünschte sich einen teil dieser leichtigkeit für sich selbst.

auch deshalb teilte sie ihr leben mit lätitia, seit drei jahren in einer flatrate-beziehung mit kindoption. noch drei monate bis zur geburt. deshalb hatte sue kaum und schlecht geschlafen. aber das war jetzt wie weggeblasen. «danke. du tust mir gut. schon lange hier unten?

"ich bin früh aufgewacht und ein bisschen durchs dorf spaziert. magst du einen tee?" klar. sue genoss es, verwöhnt zu werden. sie war sechs jahre jünger als lätitia, deshalb trug sie die bürden der schwangerschaft.

zehn tage hatte die reise von berlin nach biasca gedauert. sie hatten glück gehabt und mussten nur vier schlepper beanspruchen. so nannte man die sich ständig neu formierenden kleingruppen, die unabhängig voneinander regionale restbestände von schienen, strassen und verkehrsmitteln betrieben. jede reise wurde zu einer lektion im loslassen.

loslassen. genau wie es ekosens versprochen hatte. und dann dieser euphorica-monitor über der türe zum kleinen speisesaal. mit den daten jeder lebensuhr, samt ranking und durchschnitt. genau wie in der berliner freelance-arbeitshalle.

lätitia beendete diese verlorene brüterei mit einer dampfenden teetasse: «salbei und melisse! stell dir vor, die wachsen hier vor dem haus.» sue hatte keine ahnung, was das für aromapillen sein sollten, aber der tee roch herrlich. lätitia kannte sich aus mit dem restgrün, von dem hier oben definitiv mehr zu sehen war als in berlin.

"lätitia, du bist genial. was erwartet uns drei hier oben? haben wir richtig entschieden? du bleibst bei mir, versprochen?" eine spontane umarmung liess sue’s stuhl zu boden krachen, die köpfe der anderen neuankömmlinge im speisesaal drehten sich zum paar.

auch die anzeige über der tür zeigte aufmerksamkeit: plus drei auf der nach obenen offenen euphorica-skala.

 

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sue und lätitia von Marcel Bernet steht unter einer Creative Commons Namensnennung-Nicht-kommerziell-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Schweiz Lizenz.
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